Die besten WM-Spiele aller Zeiten (4/5)

Paco-Casal-y-Maracanazo Platz 10: Brasilien 1:2 Uruguay
WM 1950/Finalgruppe
Jedes Land dieser Erde hat sein nationales Trauma, ein Ereignis, das die Geschichte und das Selbstverständnis einer Nation radikal verändert hat. Für Deutschland ist es die totale Niederlage im Zweiten Weltkrieg, für die USA 9/11 und Pearl Harbour, für Japan Hiroshima oder für Frankreich Dien Bien Phu. Es ist ohne Zweifel typisch für dieses fußballverrückte Land, dass Brasiliens großes Trauma auf dem Rasen des Maracana stattfand. Die Weltmeisterschaft 1950, die erste nach dem zweiten Weltkrieg, scheint von Beginn an nur einen Sieger zu kennen: Den Gastgeber Brasilien. Das Team ist fußballerisch unerreicht und wird von frenetischen Massen nach vorne gepeitscht. Zum ersten (und wohl einzigen) Mal wird bei diesem Turnier der Sieger nicht in einem finalen Spiel, sondern in einer Finalgruppe aus vier Mannschaften ermittelt. Doch, wie das Schicksal es so will, kommt es am letzten Spieltag doch noch zu einem „Finale“ im letzten Gruppenspiel zwischen dem Ersten Brasilien und dem Zweiten Uruguay. Da auch ein Unentschieden die Brasilianer zu Weltmeistern machen würde, herrscht in Rio eine naive Siegesgewissheit. Die Spieler bekommen vor dem Spiel neue Armbanduhren geschenkt, die Gravur lautet: Den Weltmeistern! Über 200.000 Menschen quetschen sich in den Fußballtempel Maracana, wollen dabei sein wenn Geschichte geschrieben wird. Doch die dramatischen Ereignisse gestalten sich gänzlich anders, als es sich die Brasilianer erwünschen. Nach ihrer Führung in der 47. Minute kocht das Land, der Titel scheint endgültig entschieden. Doch Uruguay kommt eine Viertelstunde später zum Ausgleich. Die Rekordkulisse ist totenstill; eine Lähmung die sich auf die Spieler überträgt. Zehn Minuten vor Schluss geschieht das unfassbare: Alcides Ghiggia zieht nach innen und drischt den Ball an Torwart Barbosa vorbei in die Maschen des Tores. 2:1 für Uruguay, Brasilien ist gescheitert. Die Reinigungskräfte finden nach dem Spiel vier tote, zwei sind einem Herzinfarkt erlegen, zwei weitere stürzten sich von der Tribüne. Der Himmel über Rio ist nach dem Spiel schwarz vor Qualm, die Zeitungen verbrennen ihre voreilig gedruckten Weltmeister-Sonderausgaben. Die Selecao spielte bis zu diesem Tag immer in Weiß, nach der Schande im eigenen Stadion wechseln sie zum legendären Gelb. Torwart Barbosa hat man seinen Fehler vor dem 1:2 nie ganz verziehen, in einem Anfall von Wut und Rassismus suchten sich die enttäuschten Massen ihn als Sündenbock aus. Kurz vor seinem Tod erklärte er: „In Brasilien gibt es maximal dreißig Jahre Gefängnis für einen Mord. Ich büße jetzt schon länger für etwas, das ich nicht begangen habe.“

dt.common.streams.StreamServer Platz 9: Portugal 5:3 Nordkorea
WM 1966/Viertelfinale
25 Minuten sind gespielt im Liverpooler Goodison Park. Das Publikum tobt und brüllt, Nordkorea hat eben das 3:0 gegen den haushohen Favoriten aus Portugal erzielt. Für den krassen Außenseiter und uneingeschränkten Publikumsliebling wäre es nicht die erste faustdicke Überraschung: Bereits im denkwürdigen letzten Gruppenspiel besiegten die großen Unbekannten dieser WM die Italiener mit 1:0 und stellten den Einzug unter die besten acht Mannschaften der Welt sicher. Im Fifa-Quartier und in Westminster beginnt man nervöse Flecken zu bekommen: Alleine die Präsenz der „Feinde“ aus dem fernen Osten ist für den Westen eine Provokation. Nur der bloßen Turnierteilnahme dieser Mannschaft ist es geschuldet, dass bis zum Finale keine Nationalhymnen abgespielt werden. Die Mannschaft beim Halbfinale gegen England in Wembley? Kaum auszudenken! Doch noch ist es nicht vorbei: Die ganze Fifa-Führung, ganz Portugal, ja die gesamte freie Welt bauen auf einen der Größten der Großen. Und der tut wie ihm Befehl: Eusebio, der „schwarze Panther“, der Superstar in einer ansonsten eher durchschnittlichen portugiesischen Mannschaft. Drei Tore hatte er in diesem Turnier bisher erzielt, nun schaltet er einen Gang höher. Bis zum Halbzeitpfiff bringt er seine Farben auf ein Tor heran, danach erzielt er weitere zwei Treffer und besorgt damit im Alleingang die 4:3-Führung für Portugal. Die tosende Lautstärke des Liverpooler Publikums hat sich mittlerweile zu bedächtigem Applaus gewandelt, es scheint so als ob niemand von ihnen glauben könne was da vor sich geht. Nach vier Toren in 33 Spielminuten bereitet der Ausnahmefußballer eben noch schnell José Augustos 5:3 in der Schlussphase vor. Die tapferen Koreaner müssen die Segel streichen, die Portugiesen stehen als „Eusebio+10“ auf der Gästeliste fürs Halbfinale in Wembley. Mal eben kurz die Welt gerettet.

pele-4 Platz 8: Brasilien 4:1 Italien
WM 1970/Finale
Der Kampf der Fußballkulturen bildet den Abschluss der wohl besten Fußball-Weltmeisterschaft aller Zeiten. Auf der einen Seite Jogo Bonito, das schöne Spiel, auf der anderen Seite Catenaccio, der ungeliebte Riegel, Totengräber des Fußballs. Doch dieses Finale wird weit weniger von der Taktik als von der Fitness dominiert: Die Italiener haben mit acht Toren in den letzten zwei Spielen die Offensive entdeckt, ihnen steckt aber noch immer die atemberaubende Verlängerung gegen Deutschland in den Knochen. Brasilien ist munterer, mit der selten geprüften Defensive aber immer noch nicht ganz im Reinen. Weiße Friedenstauben steigen in den Himmel über Azteca. Der Rest ist Legende: Peles irrer Kopfball, Boninsegnas Ausgleich nach einem wahnwitzigen Patzer der brasilianischen Hintermannschaft, Jairzinho mit dem Führungstor, Carlos Albertos Hammer, der die ohnehin schon dünne mexikanische Luft zu zerreißen scheint. Die Tempodribblings und Kunststücke der Selecao sind vermutlich bis heute unerreicht und machen das Spiel zum wohl sehenswertesten WM-Finale aller Zeiten. Das reservierte, häufig gar langatmige Spiel der Italiener hatte durch die körperliche Entkräftigung auf dem Halbfinale seine Intensität verloren und war damit zum Scheitern verurteilt. Die Blauen hatten die besten Plätze, um das Spektakel der brasilianischen Samba-Fraktion zu genießen. Die Brasilianer ihrerseits nahmen mit ihrem Auftritt in Mexiko den technisch hochwertigen, athletischen Fußball der Moderne vorneweg. Natürlich würde diese Mannschaft heute untergehen, aber kein Nationalteam beherrschte die jeweils vorherrschende Form des Fußballspiels so gut wie die Selecao von ’70.

17-00-uhr-anpfiff-stueck-sportgeschichte Platz 7: Österreich 7:5 Schweiz
WM 1954/Viertelfinale
Mit dieser Hitzeschlacht von Lausanne haben sich die beiden Alpenrepubliken, seither bei Weltmeisterschaften meistens glücklos, einen festen Platz in den Geschichtsbüchern ergattert. Es ist nicht nur das WM-Spiel mit den meisten Toren, auch aufgrund seiner Dramatik, dem aberwitzigen Spielverlauf und den brutalen Temperaturen hat dieses Spiel einen absoluten Legendenstatus eingenommen. 3:0 führen die Gastgeber bereits nach zwanzig Minuten. Dann wird es völlig verrückt: Österreich gleicht binnen vier Minuten aus. Und nach sieben weiteren Minuten haben die Rot-Weiß-Roten das Spiel gedreht und führen mit 5:3. Der Schweizer Ballaman bringt seine Mannen immerhin noch vor dem Pausenpfiff auf 4:5 heran. Neun Tore – in einer Halbzeit, genauer, in 25 Minuten. Was für ein unübertreffbares Spektakel! Zum uneingeschränkten Helden wird der Österreicher Kurt Schmied. Der Torwart erleidet mitten in der ersten Halbzeit einen Sonnenstich, darf aber aufgrund der damals geltenden Regularien nicht ausgewechselt werden. Vom Mannschaftsmasseur dirigiert und mit Wasser versorgt, hält der orientierungslose Schlussmann sogar noch ein paar Bälle – und bis zum Ende durch. In Halbzeit 2 geht es ruhiger zu. Österreich zieht zweimal davon, die Schweiz kann nur noch nach dem ersten Treffer anschließen. 7:5 zum Ende. Ein Spiel wie kein anderes. Natürlich würde es so ein Match heute im modernen Fußball nicht mehr geben, vermutlich nicht einmal mehr in der A-Klasse Inn/Salzach Ostbayern. Doch steht es sinnbildlich als Relikt einer alten Zeit, in der der Fußball noch altbackener und unästhetischer, aber ereignisreicher war.

Soccer Euro 2012 Germany Italy Platz 6: BR Deutschland 3:4 Italien
WM 1970/Halbfinale
Es hatte etwas heroisches, geradezu monumentales an sich: 22 erschöpfte, verbrauchte, lädierte Männer, die in der stockenden Höhenluft von Mexiko City das letzte aus sich herausholten, um immer wieder das Schicksal in neue Bahnen zu lenken. Das wohl einzige WM-Spiel, das sich auch noch heute so heroisch ins Gedächtnis eingebrannt hat, dass es ein Denkmal bekam: Eine Gedenktafel am Fußballtempel Aztekenstadion erinnert seither an jenen denkwürdigen Nachmittag bei 50 Grad, an dem Deutschland und Italien ein Fußballfeuerwerk der dramatischsten Sorte abbrannten. Nach der frühen Führung für die Italiener rannten die Deutschen über das ganze Spiel vergeblich gegen die undurchdringbare Offensive der Blauen an. Zweimal hätte die Nationalelf einen Elfmeter bekommen müssen, einmal trifft Overath nur die Latte. In der Nachspielzeit traf schließlich Schnellinger zum verdienten 1:1-Ausgleich; ausgerechnet Schnellinger, der in der italienischen Serie A unter Vertrag stand. In der Verlängerung fielen schließlich alle Barrieren, sie ist an Dramatik kaum zu übertreffen. Erst Müller mit einem seiner typischen Abstauber zur Führung, dann drehten die Italiener das Spiel. Der „Bomber der Nation“ markierte erneut einen Treffer zum Ausgleich, praktisch im Gegenzug versenkte der eingewechselte Rivera die Deutschen mit dem 4:3. Ein Nackenschlag von dem sich die Weißen nicht mehr erholen sollten. Nach dem Spiel fielen sich die Kontrahenten um den Hals, „Alemania“-Rufe halten durch das Aztekenstadion. Das Resultat war aus deutscher Sicht bitter und hat sich bis heute als Narbe in die Flügel des DFB-Adlers eingebrannt, doch dies war wesentlich besser als Option 2: Losentscheid in einem Hotel in Mexiko City im Falle von Unentschieden nach Verlängerung; Elfmeterschießen gab es noch nicht, ein Wiederholungsspiel war nur für das Finale vorgesehen. Oder Option 3: Die ausgemergelten Deutschen hätten sich an Italiens Stelle im Finale von Brasilien vermöbeln lassen müssen.

Auf geht’s zu den Top Fünf!

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