Die besten WM-Spiele aller Zeiten (5/5)

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Platz 5: Brasilien 2:3 Italien
WM 1982/Zweite Runde
Egal woher du kommst, egal welche Fahne du ins Stadion trägst, in einem sind wir uns wohl alle einig: Die Brasilianer von 1982 waren die mit Abstand beste Nationalmannschaft, die je an einer WM-Endrunde teilgenommen hat. In vier Spielen pulverisierten die Genies vom Zuckerhut ihre Gegner nach Lust und Laune, es war einzig ihrer teils faszinierenden, teils arroganten Ballzauberei vor dem Tor geschuldet, dass einige Spiele nicht zweistellig entschieden wurden.
Es soll nun nicht schon wieder der „Kampf der Fußballkulturen“ aus dem Phrasenhut gezaubert werden, doch Italien stellte vor dem Spiel das genaue Gegenstück zur brasilianischen Ballartistik dar: Sage und schreibe vier Tore in vier Spielen brachten die Azzurri zu Stande. Die größte Enttäuschung von allen war wohl Stürmer Paolo Rossi, der kurz zuvor noch wegen Verwicklungen in einen Manipulationsskandal gesperrt war und von der italienischen Sportpresse ob seiner schwachen Leistungen in der Luft zerrissen wurde. Doch er sollte emporsteigen – wie Phoenix aus der Asche.
Das letzte Match der Finalgruppe, in dem Brasilien schon ein Unentschieden zum Halbfinaleinzug genügte, war wohl eines der intensivsten und spektakulärsten in der Geschichte der Fußballs.
Der Löwenanteil des Spiels fand in und um den italienischen Strafraum statt. Doch sowohl die beinharte italienische Abwehr als auch der Torwart-Dino Zoff waren stets hellwach. Die Selecao kombinierte, zauberte, rackerte und plagte sich ab, doch immer wenn sie rankamen und das Halbfinale vor ihren Augen erschien machte ihnen einer einen Strich durch die Rechnung: Paolo Rossi. In der fünften Minute besorgte der Toskaner die Führung, brach damit den Bann und legte den Grundstein für seine spätere Auszeichnungen zum Torschützenkönig und besten Spieler der WM. Das folgende Spiel wurde für Brasilien schließlich zu einer üblen Dauerschleife: Zweimal glichen sie aus, zweimal legte Italien in Form von Paolo Rossi wieder vor. Nach seinem 3:2-Führungstreffer in der 74. Minute und einem zu Unrecht nicht gegebenen Treffer von Antognoni gab es für die südamerikanischen Zauberfüße keinen Weg mehr zurück. Die Mannschaft schied in Ungnade aus, Italien marschierte weiter. Sie hatten sich in diesem Spektakel von Barcelona als komplettere, geschlossene Truppe präsentiert und holten sich eine Woche später völlig verdient den ersten Weltmeistertitel nach 44 Jahren Wartezeit.

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Platz 4: Brasilien 1:7 Deutschland
WM 2014/Halbfinale
Wir schreiben den 8. Juli 2014, 22:30 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit. Einige checken, ob die Welt nicht aufgehört hat sich zu drehen. Andere meinen, ihr schöner Planet könnte komplett aus den Fugen geraten sein; irgendetwas scheint da falsch zu laufen. Den meisten hingegen ist es völlig egal, sie tanzen daheim auf deutschen Fliesentischen, eskalieren auf diversen Fanfesten oder versinken in tiefe Trauer und Scham, und das bei einer Party, die von Anfang an nicht die der gastgebenden Brasilianer war.
Sami Khedira erzielt in diesem Augenblick das 5:0 für die deutsche Nationalelf – nach 29 Minuten. Eine solche Demontage hatte es bei einem Duell zweier gleichrangiger Favoriten und Topteams in einem WM-Halbfinale noch nie gegeben.
Angetrieben von purer Emotion und einer beispiellosen Welle der nationalen Euphorie war Brasilien ins Halbfinale vorgedrungen, doch allzu oft mussten die spielerischen Schwächen der Truppe kaschiert werden. Mehrmals stand Brasilien mit dem Rücken zur Wand und die Spieler gerieten vor den Fernsehkameras, den verlängerten Augen der Weltöffentlichkeit, geradezu in Panik. Doch stets halfen Superstar Neymar und eine überheftige Prise Glück für den Turnierverbleib. Für die Deutschen wiederum war der WM-Verlauf ein schwindelerregender, emotionaler Auf und Ab-Trip aus überragenden Spielen und äußerst wackligen Veranstaltungen, in denen die Mannschaft altbewähre Schwächen gegen unangenehm zu spielende Gegner zeigte. Doch im Gegensatz zu den vergangenen Turnieren zog Bundestrainer Jogi Löw aus falschen Maßnahmen die richtigen Konsequenzen und stellte sein Team optimal auf Brasilien ein.
Diese wurden ihrerseits mit der Horror-Verletzung von Superstar Neymar und der Gelbsperre von Thiago Silva emotional komplett überladen. Die Spieler der Selecao hatten sich die Hoffnungen von 200 Millionen Brasilianern auf den Rücken gepackt – und knickten an diesem Abend komplett unter dieser schweren Last ein.
Der Rest ist Geschichte. Müller, Klose, Kroos, Kroos, Khedira, Schürrle, Schürrle. Eine geradezu atemberaubende Torfolge in einer atemberaubenden Partie, die immer surrealer erscheint, je weiter man auf sie zurückblickt.

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Platz 3: Argentinien 2:1 England
WM 1986/Viertelfinale
114.525 Zuschauer im sagenumwobenen Aztekenstadion waren Zeugen als Gott für einen kurzen Moment die Erde berührte.
Diego Maradona ist vielleicht der größte Fußballer die auf diesem Planeten das runde Leder liebkost hat. Seine Karriere war wie eine wilde Achterbahnfahrt aus Titeln und Triumphen, Höhenflügen und Tiefschlägen, Genie und Wahnsinn. Fakt ist: Keine Weltmeisterschaft wurde je so von einem einzelnen Spieler dominiert, wie die 1986 in Mexiko von Maradona. Das Viertelfinale gegen England wurde zu einem absoluten Maradona-Spektakel in Reinform. 90 Minuten für die Ewigkeit.
Nach einer intensiven aber torlosen ersten Hälfte überschlagen sich die Ereignisse nach Wiederanpfiff. Im Mittelpunkt steht nur einer: Der streitbare argentinische Spielmacher mit der Nummer 10. In der 51. Minute landet ein missglückter Klärungsversuch von Mittelfeldmann Hodge zentral im englischen Strafraum, Diego persönlich fliegt heran und bugsiert den Ball klar erkennbar mit der linken Hand in die Maschen von Peter Shilton. Jeder im Stadion sieht es, nur der tunesische Schiedsrichter nicht: Er gibt den Treffer und damit auch die entscheidende Wendung für dieses bis dahin vollkommen offene Spiel. Die „Hand Gottes“ hat sich in den Annalen dieses Sports für immer verewigt.
Nur 200 Sekunden später wird dieser Vorfall in seiner Einzigartigkeit sogar noch getoppt: Maradona erhält an der Mittellinie den Ball und startet seinen irren Sololauf über 55 Meter im Vollsprint, vorbei an vier englischen Gegenspielern und am heraus eilenden Torwart. Ein Meisterwerk.
Dieses zweite Tor, zur Jahrtausendwende zum schönsten Tor aller Zeiten gewählt, hat verhindert, dass Maradonas Reputation nachhaltig beschädigt wurde. Selbst bei den Engländern halten sich nach dem Spiel die Wut über das erste Gegentor und die Bewunderung für das Zweite die Waage. Der Konsens: Wer solche Tore schießt, darf hin und wieder auch mal eins mit der Hand machen.
Das Viertelfinale von Mexiko City war natürlich nicht ausschließlich eine Maradona-Show, auch die „Three Lions“ hatten einen erheblichen Anteil daran, dass dieses Spiel in die Geschichtsbücher einging. Das Team von Sir Bobby Robson war wohl eines der besten, das England nach dem Titelgewinn von ’66 hatte. Vor allem Glenn Hoddle und der eingewechselte, noch heute chronisch unterschätzte Ballzauberer John Barnes brachten die sonst so beinharte argentinische Defensive in der Schlussphase gehörig unter Zugzwang. Mehr als ein Tor durch Shootingstar Gary Lineker sprang am Ende nicht dabei raus, Argentinien setzte sich 2:1 durch und marschierte ins Halbfinale.

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Platz 2: Deutschland 3:2 Ungarn
WM 1954/Finale
Selbst wenn man die deutsche Brille abnimmt, und das ist bei der Erstellung dieser Liste erforderlich, bleibt das Finale der WM 1954 eines der faszinierendsten Spiele des Fußballs. Darüber hinaus war es das wohl folgenschwerste Spiel der WM-Geschichte, nie zuvor hatte ein Fußballspiel eine solche Tragweite wie das „Wunder von Bern“.
Auf der einen Seite: Die neuformierte deutsche Nationalmannschaft, allesamt Halb-Profis, grün hinter den Ohren und international kaum wettkampferprobt. Ihre Motivation bezog das Team in erster Linie aus den urdeutschen Tugenden und den technischen Innovationen des Ausstatters Adi Dassler.
Auf der anderen Seite: Aranycsapat, die goldene Elf, die ersten Botschafter eines modernen Fußballs. Die fußballerischen Darbietungen der Mannschaft, die über 4 Jahre lang in 32 Pflichtspielen unbesiegt blieb, waren in der Tat nicht allzu weit vom totalen Fußball der Holländer zwanzig Jahre später entfernt. Die Truppe hangelte sich von Höhepunkt zu Höhepunkt: Die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen von Helsinki 1952, der Europapokaltriumph und der legendäre 6:3-Sieg in Wembley 1953. Der eigentliche Höhepunkt dieser jahrelangen Dominanz sollte der Gewinn der Weltmeisterschaft in der Schweiz 1954 werden.
Das Team spielte sich im Turnierverlauf in einen regelrechten Rausch, zerlegte eine deutsche B-Elf in der Vorrunde mit 8:3 und schaltete in der K.o.-Phase die größten Mitfavoriten Brasilien und Uruguay aus.
Das Spiel selbst ist längst Legende und alleine durch seinen einmaligen, dramatischen Charakter reif für sämtliche Geschichtsbücher. Nach nur acht Minuten führte Ungarn bereits mit 2:0. Max Morlock und Helmut Rahn besorgten den schnellen Ausgleich. Im folgenden Spielverlauf versiebten die dominanten Magyaren selbst die besten Chancen und scheiterten entweder an Pfosten und Latte oder dem überragenden deutschen Schlussmann Toni Turek. Kurz vor Schluss erzielte Helmut Rahn schließlich mit einem wuchtigen Fernschuss den Siegtreffer. Herbert Zimmermann schrie sich zur Legende, ganz Deutschland feierte. Der mögliche Ausgleich durch Puskas wurde vermutlich fälschlicherweise wegen Abseits nicht anerkannt. Wenige Minuten später war es vollbracht: Deutschland holte sich seinen ersten WM-Titel.
Gekaufter Schiedsrichter, Doping, Fritz-Walter-Wetter, Stollenschuhe … viele Gerüchte und Halbwahrheiten ranken sich seither um den phänomenalen Triumph – so wie es sich eben für eine richtige Legende gehört.
Fakt ist nur eins: Deutschland war aus den Trümmern des zweiten Weltkriegs erwacht. Ob es sich um die wahre „Geburtsstunde der Bundesrepublik“ handelt, sei einmal dahin gestellt: Der Sieg gab der traumatisierten deutschen Bevölkerung neue Hoffnung und Selbstbewusstsein.
Anders bei den Ungarn: Die Versager von Bern wurden von der kommunistischen Regierung belästigt und drangsaliert. Nach zwei weiteren erfolgreichen Jahren brach das Team nach dem Ungarnaufstand 1956 auseinander. Die Topstars setzten sich nach Spanien ab, das ungarische Team fand nie wieder zu alter Form. Und so bleibt vielen Ungarn nur die Erinnerung an die goldene Elf und ihre einmalige Chance auf einen Weltmeistertitel.

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Platz 1: Frankreich 5:4 Brasilien n.E.
WM 1986/Viertelfinale
Der Tatort: Eine schmucklose, zweckmäßige Betonschüssel in Guadalajara
Die Beteiligten: Zwei goldene Generationen auf dem Höhepunkt ihres Schaffens
Das Spiel: Das atemberaubendste Spektakel der WM-Geschichte
Ein weiterer funkelnder Juwel aus der phänomenalen K.o.-Phase von Mexiko 86; definitiv das mannigfaltigste, begeisterndste Spiel der WM-Geschichte. Nie wurde herzzerreißende Dramatik so schön mit technisch feinstem Ballzauber kombiniert wie an diesem Nachmittag in der Hitze von Guadalajara.
In den Tagen vor dem Duell wurde global unablässig vom „vorweggenommenen Endspiel“ zwischen dem Europameister und dem Topfavorit gesprochen. Normalerweise genügt solch medialer Rummel um die Spieler für den Rest des Turniers zu lähmen, hier war das Gegenteil der Fall: Die 22 Mannen zeigten bei 40 Grad im Schatten Leidenschaft, Zauber und Spektakel. Wenn das Halbfinale von 1970 als Jahrhundertspiel gilt, welche überbordende Bezeichnung wäre wohl erst für diese Partie fällig? Als neutraler Betrachter hat man im Rückblick freilich mehr von Frankreich – Brasilien.
Warum? Wegen der für die damalige Zeit einmaligen Ballartistik einerseits. Wegen der überschlagenden Ereignisse andererseits: Ein einziges Spiel liefert Schicksale, Diskussions- und Zündstoff für eine ganze Bundesligasaison. Die Selecao trifft zwei Mal das Aluminium, der Franzose Tigana freistehend nicht ins Netz. Der brasilianische Volksheld Zico wird eingewechselt, spielt Sekunden später einen herausragenden Pass auf Branco, der gelegt wird. Das Genie mit der Nummer 10 tritt persönlich an – und scheitert an Übeltäter Bats im französischen Tor. Bruno Bellone läuft wenige Minuten vor dem Ende der Verlängerung einsam und alleine auf Brasiliens Schlussmann zu, wird umgerissen, läuft weiter, verliert das Laufduell, bekommt keinen Freistoß, und der Keeper keinen Platzverweis. Und es spricht für dieses irre Spiel, das Brasilien im Gegenzug fast noch selbst den Siegtreffer markiert. Superstar Platini persönlich erzielt für die Franzosen, die sonst möglicherweise an die Wand gespielt worden wären, Ende der ersten Halbzeit den immens wichtigen Ausgleich, um letztlich im Elfmeterschießen zu versagen – und das ausgerechnet an seinem Geburtstag. Doch es bleibt nur eine Randnotiz, weil Joel Bats erneut gegen Socrates pariert, Julio Cesars Ball an den Pfosten klatscht und Kampfschwein Fernandez den Ball mit dem letzten Schuss seelenruhig ins Tor schießt. Die Grande Nation ist weiter.
Es ist das endgültige Ende der goldenen aber titellosen Generation Brasiliens – mit nur einem einzigen Gegentreffer und ohne wirkliche Niederlage sind sie ausgeschieden. Für Frankreich ist der heiß ersehnte Pokal zum Greifen nahe. Doch im Halbfinale gegen Deutschland versagen Le Bleu einmal mehr die Nerven.

Noch einmal zurück zu den Plätzen 6-10 ?

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