Bares für Rares – Trödelsendung mit Herz

 

Eine auf den ersten Blick etwas altbackene, konservative Trödelsendung, präsentiert von einem Koch mit ulkigem Schnauzer. Was sich zunächst nach einer lachhaft in österreichischem Dialekt synchronisierten US-Dauerwerbesendung im Vormittagsprogramm von Sport 1 anhört, stellt sich als eine erstaunlich kurzweilige und höchst interessante Sendung im ZDF-Nachmittagsprogramm heraus.

An seichten Regentagen in meiner Schüler- und Studentenzeit war der Fernseher stets mein treuer Lebensbegleiter. Doch die „2“ auf der Fernbedienung war absolutes Sperrgebiet. Das Nachmittagsprogramm vom Zweiten Deutschen Fernsehen war lange Zeit an Belanglosigkeit kaum zu übertreffen. Welcher Jugendliche ergötzt sich schon freiwillig an monotonen Kochsendungen wie den „Topfgeldjägern“ mit dem diabolisch grinsenden Steffen Henssler oder dem chronischen, fränkischen Unsympath ohne konkreten Namen, die nach dem typischen öffentlich-rechtlichen Eventkampf „Mann gegen Frau“ strukturiert sind? Oder der fünftausendsten Wiederholung von SOKO Kitzbühel, bei der eine Folge wie die andere aussieht? Karin Kofler verfolgt zusammen mit ihrem naiven Paps, der verbitterten Gräfin und einem stetig wechselnden männlichen Begleiter einen neureichen Mörder auf Skiern über einen Berghang.

Doch endlich bekommt auch die Jugend beim ZDF etwas geboten: Die Sendung „Bares für Rares“, die lange Zeit ein einsames Dasein auf ZDFneo fristen musste und seit dem 18. Mai 2015 um 15:05 Uhr auf bestem Sendeplatz am Nachmittag läuft.

„Bares für Rares“ läuft nach einem relativ simplen Prinzip ab: Diverse Kandidaten bringen ihre höchst unterschiedlichen Antiquitäten und Schätze zu dem aufreizenden, aus Funk und Farbfernsehen bekannten Traum aller Schwiegermuttis Horst Lichter und seinem Expertenteam. Dort wird der Gegenstand auf einen ungefähren Wert taxiert. Stimmt dieser mit den ungefähren Vorstellungen der Besitzer überein, wird ihnen eine Händlerkarte überreicht, mit der sie ein Stockwerk höher bei dem fünfköpfigen Händlerteam ihren Gegenstand verkaufen können.

Die Figuren in der Jury sind extravagant und außergewöhnlich, aber durch ihren Witz und ihren unerschütterlichen Charme auf keinen Fall unglaubwürdig: Der zum knuddeln liebenswürdige Bayer Ludwig, der sympathische Rotzlöffel Fabian, der herzhaft knurrige Walter aus der Eifel, der ansprechend aufgeräumte Ösi Wolfgang und die schmuckverliebte Zuckerschnitte Susanne. Durch diese ungewöhnliche Mischung entsteht ein mannigfaltiges und doch in sich ergänzendes Bild, das den Zuschauer unterhält.

Das Quintett am Händlertisch agiert natürlich mit dem kompromisslosen Gedanken der Gewinnmaximierung, doch dabei keinesfalls kaltherzig oder hochnäsig. Selbst drittklassige Plattenspieler aus den Fünfzigern werden dabei von dem herzlichen Ludwig mit einem „Mitleidsfünfziger“ gekauft. Die brutalen, derben Sprüche eines Dieter Bohlen und die kantigen Allüren einer Heidi Klum fehlen hier vollständig. Und das ist auch gut so. Die Verhandlungen bei den Händlern sind unaufgeregt und nüchtern – und dabei trotzdem spannend.

Die Gespräche über den Schätzpreis sind zwar bei weitem nicht so unterhaltsam wie der Verkauf bei den Händlern, regen jedoch absolut zum mit raten an. Es ist immer wieder außergewöhnlich interessant, wie unscheinbare Ringe, Töpfe, Bilder, Deckel oder Uhren durch ihre Seltenheit einen vierstelligen Wert erreichen, während vermeintlich schmuckvolles und ansehnliches als Massenware enttarnt wird. Das Antiquitätengeschäft ist in der Tat eine ganz eigene Wissenschaft für sich: Ein stetig wechselndes Verhältnis von Angebot und Nachfrage, variierende Marktpreise und diverse, zahlungskräftige Kundenkreise fließen bei der Bewertung und dem Verkauf der Gegenstände mit ein. Auch wenn das Muster sich Folge für Folge gleicht und sich viele der angebotenen Stücke auf die Dauer ähneln: Langeweile kommt nur dann auf, wenn Lichter über Freiburg im Breisgau, das Rheinland, das Kochen oder das Leben philosophiert. Ansonsten ist das gesamte Konzept hoch interessant gestaltet und gleicht in seiner Aufmachung dem Detektivspiel aus der Micky Maus; nur ohne zusammensetzbarer Plastiklupe auf dem Heftcover: Mitmachen, rätseln, ärgern und staunen: Ein toller Mix.

Empfehlung: Einschalten!

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