Deutschland im Herbst – Eine gesellschaftliche Wasserstandsmeldung

Es ist ein warmer Mittwochabend in Passau. Ich sitze zusammen mit drei Freunden in einer Bar in der Innenstadt. Wir wollen die jährliche Kneipentour nicht verpassen und sitzen gemütlich bei einem Glas Bier zusammen und reden über Fußball und den Unterricht an der Uni. Neben uns lärmen Studenten, der Barkeeper hat alle Hände voll zu tun, es herrscht Hochbetrieb. Auf einmal ebbt die Stimmung ab: Am Nebentisch diskutieren fünf fein gekleidete Jungens über die Flüchtlingskrise, die Deutschland und insbesondere Passau seit Monaten in Atem hält. Ein großer, blonder mit Seitenscheitel und etwas zu luxuriös wirkender Brille und sein Kumpel in den etwas zu bunten Nike-Sneakers und der fetten Goldkette kriegen sich in die Haare. Der eine spricht sich als rigoroser Pro Asyl-Anhänger aus. Das Asylrecht sei im Grundgesetz verankert, jeder habe das Recht zu seinem Schutz hierher zu kommen, unabhängig davon ob er von der Sicherheit eines jordanischen Lagers oder seinem zerbombten Haus in Aleppo aus aufbricht. Und warum sollten Fremde nicht eine Chance erhalten, hierzulande hätten viele ihre Chancen im Leben mehrfach nicht genutzt. Da platzt dem anderen der Kragen und ich erlebe etwas, was ich seit der Übertragung eins Spiels zwischen Borussia Dortmund und Bayern München im vergangenen Frühjahr nicht mehr erlebt habe: Eine ganze Bar verstummt und lauscht beinahe andächtig einer wilden Diskussion.

Angela Merkel sei nicht von den Irakern und den Syriern sondern vom deutschen Volke gewählt worden und sie habe die Pflicht den Wünschen ihrer Bürger nachzukommen. Deutschland sei schließlich nicht das Sozialamt der Welt und die bloße Anzahl an Flüchtlingen längst nicht mehr tragbar. Warum wohl würden alle nach Deutschland oder Schweden kommen? Weil es hier die weltweit besten Sozialleistungen gibt. Er selbst sei kein Anhänger von PEGIDA und Konsorten, aber er teile ihre Sorge um die Zukunft des Landes. Merkel betreibe wissentlich die Spaltung der deutschen Gesellschaft indem sie eine Flüchtlingspolitik durchdrückt, die der Hälfte der Deutschen nicht passt. Sie sei eine Volksverräterin, nicht mehr und nicht weniger. Viele umher sitzende applaudieren, die Damen neben uns schütteln mit den Köpfen, ein paar schauen betreten zu Boden. Die Stimmung ist auf einmal eisig wie bei einer Antarktisexpedition. Fünf Minuten später, die Szenerie ist bereits wieder erfüllt von lautem Stimmengerassel und die beiden Streithähne haben sich beruhigt, da kommt der Wirt zum abkassieren an den Nebentisch. Solch ein Verhalten sei hier unerwünscht.

Diese Szenerie, so nebensächlich und doch so beispielhaft, steht für mich sinnbildlich für ein Deutschland in der Flüchtlingskrise 2015. Ein Deutschland, das mit sich selbst noch immer nicht im Reinen zu sein scheint. Ein Deutschland, dessen Gesellschaft durch die Ankunft von einer Million Menschen scheinbar völlig aus den Fugen geraten ist und in einem langen, schmutzigen Kampf mit sich selbst liegt. Ein Deutschland, das siebzig Jahre nach Kriegsende noch immer nach seiner Identität zu suchen scheint.

Ich bin sicher kein ängstlicher Typ. Ich ließ mich in ein dunkles Burgverließ sperren, saugte die Spinnen aus sechs Kellerschächten und unternahm sogar einen Bungee-Sprung. Doch in solchen Momenten plagt mich die nackte Angst. Keine Angst vor einer Islamisierung oder einer Gutmenschendiktatur, keine Angst vor knüppelschwingenden Glatzköpfen oder johlenden, teppichmesserzückenden Islamisten, keine Angst vor einem Auseinanderbrechen der GroKo oder dem Aufstieg der AfD. Es ist die Angst, dass wir in unserem Land Schäden verursachen werden, die vielleicht auf Generationen hinaus nicht wieder gut zu machen sind. Nicht etwa durch die Asylbewerber, nein, sondern durch uns selbst.
Seit nunmehr fünf Semestern studiere ich in Passau, jener wunderschönen Stadt an drei Flüssen die für ihre Universität, die malerische Veste Oberhaus und die teilweise zerstörerischen Flutkatastrophen landesweit bekannt ist. Als politisch und sozial nicht engagierter Student arbeitete ich dort in den vergangenen Jahren meine ganz eigenen Baustellen ab: Das Aufreißen von süßen Studentinnen in der Diskothek, die Bierversorgung bei REWE, das Last-Minute-Lernen drei Wochen vor Klausurbeginn. Doch seit dem vergangenen Semester hat sich etwas gewaltig verändert, niemand der 50.000 Passauer bleibt davon verschont: Die Stadt ist das Einfallstor einer Invasion.

Ich sah die nächtlichen Sonderbusse mit den beinahe erschreckend befremdlichen Menschenmassen, die in dieser surreal idyllischen Kleinstadtszenerie genauso gut vom Mars hätten kommen können lange bevor die großen Medien davon berichteten. Ich begegnete auf dem Weg durch die Stadt Arabern, die mich in gebrochenen Englisch nach dem nächsten Taxi fragten und Dunkelhäutige, die verzweifelt ein Free W-LAN suchten und sich wie ein kleines Kind an Weihnachten über meine halbgaren Französischkenntnisse freuten.

Trotz rascher Verteilung auf andere Lager waren Flüchtlinge bald aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Dabei ist die breite Masse weitaus mannigfaltiger als man es durch die weit verbreitete Darstellung in unserer Gesellschaft vermuten würde. Viele trugen christliche Kreuze um den Hals, zahlreiche Neuankömmlinge zeigten ein strahlendes Lächeln, das ich in diesen Breitengraden selten gesehen habe, und einer half einem kniegeplagten Rentner wie selbstverständlich Arm in Arm über die ausladenden Treppen der Stadtgalerie.

Und doch gibt es auch die unerfreulichen, anderen Bilder. Die von Flüchtlingen die ihre zugeteilten Wasserflaschen ausschütten um sich im Supermarkt für das Pfand Bier zu holen. Die von einem jungen Afrikaner, der an der Bushaltestelle randaliert, Passanten bedroht und von der Polizei trotz intensiver Beobachtung nicht einkassiert wird. Die von zwei Syrern, die von muskelbepackten Türstehern aus dem Lokal geschleift werden, weil sie Mädchen bis auf die Damentoilette gefolgt sind um sie gegen die Wand zu pressen und zu begrapschen. Machen einige wenige Flüchtlinge das, weil sie von Grund auf schlechte Menschen sind? Oder vielleicht weil sie durch das dreimonatige Arbeitsverbot für Asylbewerber chronisch unterbeschäftigt sind und trotz der großspurigen Versprechen bereits jetzt im Stich gelassen werden?

Die Schäden dieser Delikte sind in jedem Fall weitaus geringer als der Schaden den wir uns selbst ins Nest legen. Das Klima ist rau geworden; in Passau wie in jeder anderen Stadt in diesem Land. Als die Asylbewerberzahlen Anfang des Jahres früh die amtliche 100.000er-Marke knackte, kamen die ersten kritischen Stimmen, die bald von rechten Stimmungsmachern geschickt ausgenutzt wurden. So mischten sich braune Untertöne in die Argumente einiger Kritiker der Merkelschen Flüchtlingspolitik.
Im Laufe des Sommers entwickelte sich so bald eine fieberhafte, geradezu hysterische Diskussion, die heute auf sozialen Netzwerken, in Kneipen, Bars, Büros und in der Familie beinahe schon selbstverständlich geworden ist. Flüchtlingsbefürworter werden hier und da schnell einmal herabfallend als „Gutmenschen“ bezeichnet. Welch ein Hohn: Als ob es ein Verbrechen wäre ein guter Mensch zu sein. Flüchtlingskritiker, unabhängig von der politischen Richtung, werden unter dem spöttischen Begriff „besorgte Bürger“ zusammengefasst. Welch ein Hohn: Jeder Bürger hat das Recht über seine Zukunft besorgt zu sein. Es ist, als habe man ein ganzes Land, eine ganze Stadt in zwei unversöhnliche Lager aufgeteilt, die auf Teufel komm raus nicht zu versöhnen sind.

Rechte Parolen werden immer öfter mit Parolen beantwortet. Braunem Hass wird blanker Hass erwidert. Für mich als Anhänger der freiheitlich-demokratischen Grundordnung ein Unding: Jahrzehntelang war unsere beste Waffe im Kampf gegen den Rechtsextremismus die Sprache. Egal wie laut die Extremisten hetzten, wir hatten die besseren Argumente auf unserer Seite. Dies hat sich in den letzten Monaten elementar verändert. Wenn es um die Flüchtlingskrise geht lassen sich viele gutherzige Menschen schnell zu Hetze aus der anderen Richtung verleiten. „Nazi“ ist mittlerweile ein genau so häufig verwendetes Wort wie „und“ „der“ oder „Penis“. Ein frivoler Teufelskreis ist in Gang gesetzt worden, aus dem es keinen Ausweg mehr zu geben scheint.

Die Spaltung unserer Gesellschaft rauscht weitaus schneller voran als mir lieb ist, und sie ist in jeder x-beliebigen Facebook-Kommentarspalte unter einem Artikel über Flüchtlinge zu beobachten. Sie erinnert sehr an den Vorgang, der das Vereinigte Königreich von Großbritannien in den Achtzigerjahren unter der Regentschaft von Margaret Thatcher aus anderen Gründen unrühmlich geprägt hat. Die neoliberale Wirtschaftspolitik Thatchers sorgte für viele Gewinner und noch mehr Verlierer. Sie spaltet die britische Gesellschaft bis heute. Die Folge: Ein allerorts fehlendes „Wir-Gefühl“, eine stetig wachsende Barriere zwischen Arm und Reich und Unabhängigkeitsbestrebungen der einzelnen Länder. Ein allseits bekannter schottischer Komiker forderte nach dem Tod der eisernen Lady, man möge für die Kosten des Staatsbegräbnisses jedem Schotten eine Schaufel kaufen. Gemeinsam könne man ein Loch graben, das tief genug wäre um sie Satan persönlich auszuhändigen. Wird Angela Merkel dieses politische Schicksal auch erleiden? Wird Angela Merkel als Bundeskanzlerin in die Geschichte eingehen, die gegen den Willen weiter Teile des Volkes entschieden und damit Deutschland in zwei verfeindete Teile gespalten hat?

Viele werfen ihr primitive Machtspiele und unvorstellbaren Größenwahn vor. Doch stimmt das wirklich? Fest steht: Deutschland ist in den Augen vieler im Ausland tatsächlich eine Weltmacht, auf seine ganz eigene Art und Weise. Die allgegenwärtigen Erfolgsgeschichten deutschen Unternehmergeistes locken Menschen aus allen Kulturräumen der Welt an. Und unser stetig selbstzweifelnder und pessimistischer Drang zur Perfektion steht in krassem Wiederspruch zu dem beinahe romantischen, überschwänglich positiven Deutschlandbild, das in vielen Teilen des Globus vorherrscht. Der Traum vieler Einwanderer man könne mit Fleiß und festem Willen alles erreichen erinnert stark an den „American Dream“, der über zwei Jahrhunderte hinweg unzählige Menschen aus aller Welt in die USA zog um dort aus einem kulturellen und ethnischen Schmelztiegel eine Nation aufzubauen. Deutschland entwickelt sich zu einem Einwanderungsland, doch weite Teile der Bevölkerung sind dafür noch nicht bereit. Eigentlich kein historisch anormaler Vorgang: Auch in den Vereinigten Staaten gab es Pogrome gegen irische, deutsche und jüdische Neuankömmlinge. In diese Rolle des herzlichen Gastgebers, der sein Haus für hilfsbedürftige Menschen öffnet kann man nicht hineingeschoben werden, man muss sie erst selbst erlernen.

Ich war nie ein Freund von markigen, zackigen Sprüchen. „Wir schaffen das!“ will mir einfach nicht so ohne weiteres über die Lippen gehen, „Ausländer raus“ sowieso nicht. Ob die hier ankommenden Asylbewerber sich auf die Dauer in unserer christlich-humanistischen Gesellschaft zurecht finden werden? Allein die Zeit wird es zeigen. Ich will nicht lügen, die Gefahr vom stetigen Verlust von Traditionen ist ohne Zweifel vorhanden. Doch ist diese Gefahr der ÜBERfremdung verschwindend gering im Vergleich zur Gefahr der ENTfremdung voneinander. Beim Überfliegen von Zeitungsartikeln und Blogeintragungen, von Kolumnen und Facebook-Beiträgen bekommt man ein trauriges Gefühl: Wir haben uns ganz ohne das Zutun von Flüchtlingen voneinander entfremdet.

Passau packt jedenfalls an und tut alles was es kann. Freiwillige Helfer, vom Arbeitslosen bis zum Arzt, tun rund um die Uhr ihr Bestes um die ankommenden Flüchtlingsströme zu versorgen. Die Stadt steht seit Monaten an der Belastungsgrenze, doch das erkennt man den Menschen vielerorts nicht an. Es ist immer wieder erstaunlich zu beobachten, dass diejenigen, die von dieser Flüchtlingskrise am stärksten betroffen sind, die vielen Freiwilligen allerorts, diejenigen sind, die die wenigsten Fragen stellen. Sie opfern sich für etwas auf, an das sie glauben. Von ihnen könnten wir viel lernen, wenn man es denn zulässt.

Niemand sollte das Gefühl bekommen übergangen und ausgenutzt zu werden. Dies gilt für Flüchtlinge genauso wie für Einheimische. Um das zu erreichen müssen wir einen gemeinsamen Konsens schaffen, der uns alle wenn schon nicht versöhnt, dann zumindest elementar zufrieden stellt. Das mag dümmlich-naiv und leicht daher geschrieben sein. Doch ist es eine wesentlich zugänglichere Alternative als die derzeitige Selbstzerfleischung, die in jedem Winkel unseres Landes stattfindet.

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