Home Alone: Ein leiser Hilferuf eines bayerischen HSV-Fans

Wenn man in Bayern geboren wird und aufwächst bekommt man das Bewusstsein für seine Herkunft schon in die Wiege gelegt: Deutscher wird man durch Geburt, Bayer durch Gottes Gnade.

Dieser Tatbestand ist zwar nicht wissenschaftlich belegbar, aber es muss wohl stimmen. Wenn man in Bayern geboren wird gibt es außerdem aus fußballerischer Sicht nur zwei Möglichkeiten: Den FC Bayern oder Bayern München. Einige fallen nach ihrer Geburt auch plumpsend vom Tisch und werden Sechzger. Bei mir verhielt sich die Sache wohl anders:

Eines Tages im Frühjahr ’91 wurde also auch ich von höchster Stelle aus auf diese Erde gesandt. Nicht irgendwohin, nein, natürlich nach Bayern. Dummerweise hatte ich vor meinem Abflug am Himmelstor dem armen Gott mit einem Bäuerchen mit anschließendem Auswurf das Lieblingsgewand versaut. Und so war der liebe Gott plötzlich gar nicht mehr so lieb und erhob zornig seine tiefe Bassstimme um mich mit seiner sadistischsten Form der Strafe zu belegen. Nicht mit einer Autoimmunerkrankung, nein, er machte mich zum HSV-Fan.

So stelle ich es mir zumindest gern vor, doch die Realität sieht wie so oft weitaus unspektakulärer aus. Ich sah mir mit meinem Vater als kleiner Bub die legendäre Meisterschaftskonferenz der Saison 2000/01 auf Premiere an und während des Spiels spürte ich eine tiefsitzende Welle der Sympathie für die gegnerische Mannschaft, gegen die mein Herr Papa vor dem Fernseher so lederte. Obwohl der HSV an diesem Tag so etwas von überhaupt nichts zu verlieren hatte rastete ich ob der Ungerechtigkeit des späten Ausgleiches durch Patrick Anderson komplett aus. Mein irdischer Erzeuger auch, allerdings aus elementar anderen Gründen. Als Oliver Kahn, dieses Monster von einem Titan, gen Eckfahne lief um sie wild jubelnd aus ihrer Verankerung zu reißen fing ich an zu heulen: Ein guter Startschuss in eine Karriere als Anhänger des Hamburger SV.

Obwohl die Schalker an diesem Frühsommernachmittag eigentlich die WIRKLICH Gelackmeierten waren, verspürte ich einen tiefsitzenden Stachel der sich mir in diesem Moment ohne konkreten Grund durch das Herz bohrte und mich mit dem HSV-Virus infizierte. Von der nächsten Saison an verfolgte ich jedes Resultat dieses exotischen Teams vom gefühlt anderen Ende der Welt. Mein Vater, Bayernfan der ersten Stunde und der gutmütigste Kerl überhaupt, ließ es geschehen. Wohlweißlich, dass er in der Schule selbst als Bayernfan unter 1860-Anhängern zu den Außenseitern gehörte. In leisen Momenten wünschte ich, er hätte mich verprügelt.

Die Frühphase war noch ganz lustig. Von den anderen Kindern im Sportunterricht erntete ich für mein brandneues Original-Trikot mit Sergej Barbarez allumfassende Bewunderung. Kinder sind ein Segen für diese Welt: Sie ersparen sich noch das Schubladenstecken.
Erst mit den Jugendjahren bekam ich richtige Probleme. Die stets populären, abendlichen Fernsehübertragungen der bayerischen Champions-League-Vorstellungen stellten für mich keinen besonderen Reiz dar und so konnte ich in der Schule kaum mitreden. Andere Kinder schwärmten von den Galavorstellungen von Zinedine Zidane, Michael Ballack, David Beckham, Ronaldinho oder Oliver Kahn. Meine Vorbilder waren David Jarolim oder Gelbe-Karten-König Bernd Hollerbach. Diese waren zwar weder in der Postersektion der Bravo Sport noch in der „Hall of Fame“ der größten Edeltechniker vertreten, doch wenigstens vermittelten sie ein erstklassiges Rollenvorbild: Kämpfe – und zur Not foulst du dir den Weg frei! Neunzig Minuten als Kampf, welch wunderbare Parabel auf das Leben. Dumm nur wenn dann dein ganzes Fußballleben zum Kampf wird.

Zwei mal nahm ich die harte Reise in den rauen Norden auf mich, immer kam ich frisch gestärkt wieder nach Hause; jeweils aus verschiedenen Gründen.
Im Mai 2008 packte ich mir meinen bereits erwähnten Herr Erzeuger ein und unternahm mit ihm zusammen den neunstündigen Trip in die Hansestadt. Olic, van der Vaart, Guerrero und Co. fegten den KSC im letzten Saisonspiel mit 7:0 aus dem Stadion: Die Laola schwappte genauso wild durch das Stadion wie die Gefühle. Als sich Huub Stevens mit stehenden Ovationen vom HSV verabschiedete verdrückte ich zusammen mit 54.000 anderen gleich einen Schwall an Tränen. Alles war gut.
Das zweite Heimspiel war weniger erfreulich: Die bereits jetzt legendäre Derbyniederlage gegen die Kiez-Kicker war wohl der sportliche Anfang vom Niedergang des HSV. Ich sicherte mir damals eine der wenigen frei verfügbaren Karten, packte meine erste Freundin ein und fuhr jener unsäglichen Schicksalswendung nichtsahnend entgegen. Nach diesen neunzig Minuten kehrte ich am Boden zerstört ins traute Bayernland zurück. Doch immerhin tröstete ich mich mit dem Schmerz der Gemeinschaft. Zurück im tiefen Süden war davon allerdings kaum etwas zu spüren außer blankem Hohn.

Von da an wurde das HSV-Dasein ein blanker Horrortrip. Das Team unterbot sich mit grauenhaften Leistungen und war Stammgast in der unteren Tabellenregion. Die Verhöhnung überlies ich anderen, genauso gut könnte man sich „Depp vom Dienst“ auf die Stirn tätowieren lassen. Am schlimmsten war es nicht etwa nach den historisch schlechten 2:9 oder 0:8 Niederlagen gegen den FCB sondern nach dem einzigen Erfolgserlebnis dieser langen Leidenszeit: Nach der sieglosen aber erfolgreichen Relegation gegen Greuther Fürth traf mich aller Hass zwischen Ingolstadt und Bad Reichenhall. Ich reagierte mit dieser psychischen Achterbahnfahrt der Gefühle mit wechselnden Reaktionen.
Reaktion 1: Zorn, Wut, Hass, Trauer, totale Apocalypse-Now-mäßige-Zerstörung.
Reaktion 2: Galgenhumor, lächerlich machen der eigenen Liebe. Oft zitiert: „So wichtig ist mir das ganze ja nicht!“
Reaktion 3: Vorgetäuschtes Desinteresse. „Ich habe mit den Pfeifen abgeschlossen“. Aber stets ein heimlicher Blick rüber zum Live-Ticker. Wieder 0:1 hinten, wieder zurück zu Reaktion 1.

Als HSV-Fan bist du hierzulande eine Lachnummer, hast aber gleichzeitig auch Sonderrechte wie ein körperlich Eingeschränkter. An jedem Montag, nach jedem verdammten Spiel wird man vom gesamten Bekanntenkreis liebevoll getätschelt und getröstet. Frei nach dem Motto: Das arme Schwein, aber echt. Und irgendwann, nach vier-fünf Saisons ganz unten spiegelt der Lieblingsverein sich auf die eigene Persönlichkeit ab.
Als wir neulich einen lustigen, biergeschwängerten Abend unter Kumpels mit dem Brettspiel „Hotel“ ausklingen ließen wurde mir mein Schattendasein erneut bewusst. Ich besaß das Safari und das Fujiyama (Anmerkung für alle Nicht-Hotel-Spieler: Diese beiden Hotels gehören zur niedrigsten Preiskategorie, es bedarf einigen Versagens sie in den ersten zwei Runden zu bekommen) und hatte folgerichtig den absolut mickrigsten Geldstapel vor mir liegen. In der nächsten Runde war es um mich geschehen: Dreimal hintereinander landete ich vor den Eingängen meiner Konkurrenten, würfelte schlussendlich die Sechs und musste über meine Verhältnisse blechen. In einem Anfall von Geistesabwesenheit verschenkte ich meine beiden Hotels mit allen Gebäuden an die Gegenspieler, trank genüsslich mein drittes letztes Bier aus und machte auch noch eine flapsige Bemerkung über mein Scheitern: „Ich habe gespielt wie (*hier erfolgt ein langer Blick auf meine leere Bierflasche*) Flasche leer“. Gelächter, wachsende Konzentration, weiter ging’s – nur ohne mich. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen: Ich hatte gerade nicht nur mein Spiel in den Sand gesetzt und mich halbherzig darüber lustig gemacht, ich habe auch noch den anderen durch meine Niederlage und die daraus erfolgende Gutherzigkeit ein sagenhaftes Gefühl beschert. Ich mutierte zu einer Miniversion des HSV. Das personifizierte Losertum.

Wie sagte schon Großvater: Im Scheitern zeigt sich wahre Größe. Also bin ich seit Jahren eine Lichtgestalt. Nach jeder Niederlage gegen Bayern bekomme ich es klatschend wie Omas beim Musikantenstadl um die Ohren. „Haha, der HSV war scheiße, Haha, du bist scheiße.“ Es ist wie Yesterday von den Beatles: Eine alte Platte.

Doch auch als HSV-Fan gibt es diese besonderen magischen Momente, auch wenn sie in den vergangenen Jahren rar geworden sind. Das Relegationsrückspiel gegen den Karlsruher SC war ein Auf und Ab der Gefühle. Nach Yabos Tor hatte ich komplett abgeschlossen, was folgte war ein atemberaubender Glückstrip der jede Sekunde Leidenszeit der Vergangenheit in pure Freude umwandelte. Sorry liebe Karlsruher, mir ist scheißegal ob der Freistoß berechtigt oder unberechtigt war. Der Ausgleich in diesem Spiel jedenfalls war für mich ganz allein berechtigt. Eine fällige Belohnung für die lange düstere Zeit.

Jede Seele auf diesem Planeten hat sein eigenes Schicksal in der Hand. Und doch erscheint es manchmal so als sei der Lebensweg vorgezeichnet. Dann halte ich es doch für wahrscheinlicher vom lieben Gott persönlich als HSV-Fan auserkoren worden zu sein als von mir selbst.
Und so wird mir klar, dass es im Leben nicht nur um Sieg oder Niederlage geht. Es geht um ein in diesen Zeiten beinahe verlorenes Wörtchen: Treue.
In einer Gesellschaft, in der die Scheidungsrate auf konstant hohem Niveau liegt; in einer Zeit, in der selbst beste Freunde, langjährige Lebenspartner und eng verbundene Familienmitglieder von einen Moment auf den anderen getrennte Lebenswege gehen; in einem Land in dem Kirchen, Gewerkschaften, Parteien und andere Organisationen und Vereine seit Jahren dramatisch an Mitgliedern verlieren ist Fußball der letzte, verbliebene Treuefaktor.

Ob im Volkspark, im Signal Iduna Park, an der Alten Försterei oder im Sportpark zu Winhöring: Überall in Deutschland zieht der Fußball wie sonst nichts Menschen aus allen Gesellschaftsschichten an. Sie weinen und lachen, trauern und jubeln, doch egal wie es ausgeht: Sie gehen entweder nach dem ersten Spiel, oder sie bleiben; für immer. Ein Fußballverein sollte kein jederzeit austauschbares Hobby sein, vielmehr ein waschechter „Way of Life“.

Und so zeihe auch ich weiterhin meine Runden in diesem Leben. Und das im HSV Trikot.

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