Die 10 besten ‚Tim und Struppi‘ Bände

schritte_mond10 – Reiseziel Mond / Schritte auf dem Mond (1952/54)
Um die US-amerikanische Mondlandung 1969 ranken sich zahlreiche Verschwörungstheorien – und das zu Recht. Denn selbst jedes kleine Kind weiß: Die wirklich erste Mondlandung fand 17 Jahre vorher statt. Der Erste Mensch auf dem Mond: Nicht Neil Armstrong sondern Tim.
Alles in diesen beiden Bänden ist besonders: Die an einigen Stellen vielleicht naive, aber doch brillante technische Ausstaffierung, die geniale Detailgenauigkeit (zum Zunge schnalzen: der Detailplan der Mondrakete!) und der fast unmenschliche Einfallsreichtum, der diese Episoden zu einem Abenteuer einer ganzen Generation machte.
Es spricht besonders für das Genie von Autor Hergé, dass eine Vielzahl der eingearbeiteten Elemente wie die Mondrakete, die Raumanzüge oder die lunaren Landschaften ohne konkrete Vorlage realitätsgetreu aufgezeichnet wurden. So gesehen war der Belgier den Raumfahrtbehörden aus aller Welt wohl um einige Jährchen voraus.

 

zigarren_pharaos9 – Die Zigarren des Pharaos (1932)
Tim begibt sich auf eine Kreuzfahrt – und landet auf der Spur von Drogenhändlern und Waffenschmugglern an den exotischsten Orten der Erde: Dem Wüstensand Ägyptens, den Oasen Arabiens und dem dichten Dschungel Indiens.
Dieser Band ist in vielerlei Hinsicht ein früher Wendepunkt in der Geschichte der Serie. Mit dem Gegenspieler Rastapopoulos und dem tollpatschigen Duo Schulze und Schultze tauchen hier erstmals dauerhafte Wegbegleiter auf. Auch Erzähl- und Zeichenstil werden hier weiter perfektioniert und stellen die entscheidenden Weichen für die Zukunft.
Das Abenteuer selbst ist eine Ansammlung hervorragender Sequenzen, die in atemberaubender Folge aneinander gereiht wurden: Die unheimlichen Szenen im Inneren des Pharaonengrabes, die skurrilen Begebenheiten auf dem weiten Ozean, die vermeintliche Hinrichtung Tims, das faszinierende Treffen der vermummten Rauschgiftbande – ein Spektakel für Jedermann.

 

ottokar_zepter8 – König Ottokars Zepter (1938)
Tims Intelligenz und Beharrlichkeit bringen einen faschistischen Staatsstreich gegen den syldavischen König zum Scheitern: Ein interessanter und spannender Comic, der vor allem von seiner historischen Verankerung lebt.
Der Himmel verdunkelte sich allmählich über dem Europa der Dreißiger Jahre. Schlau wie immer, dürfte Hergé geahnt haben, was bald über den Kontinent hereinbrechen würde. Durch diesen Umstand erschuf er die beiden fiktiven Balkanstaaten Syldavien und Bordurien an denen er die zeitgenössische politische Situation reflektierte. Doch trotz dieser omnipräsenten Thematik steckt auch in diesem Band viel Liebe zum Detail: Die Darstellung der königlichen Schatzkammer oder das historische Bildnis der „Schlacht von Zieheroum“ sind nur zwei Beispiele der Verspieltheit und Kreativität des wohl berühmtesten Belgiers.
Das Abenteuer selbst verfügt über ein Happy End: Der „Anschluss“ kann von Tim im letzten Moment verhindert werden. Doch als Leser der Gegenwart verfolgt man dies eher mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Die Realität holte die Hergés Visionen bald ein.

 
arumbaya-fetisch7 – Der Arumbaya-Fetisch (1935)
Eine bedrohliche neue Weltordnung und die Kriege in Abessinien und Gran Chaco inspirierten Hergé für seinen sechsten Band, eine aufregende Mischung aus spannungsgeladener Dramatik und hintersinniger Systemkritik.
Ein weiteres Mal schaffte es Hergé geradezu spielerisch reale und fiktionale Elemente schonungslos miteinander zu vermischen und dadurch ein greifbares und realistisches Setting zu kreieren. Für diesen Zweck bediente er sich einmal mehr der Schaffung zweier fiktionaler Staaten, die jedoch stark an die Konfliktparteien des Chacokrieges angelehnt waren: Aus Bolivien wurde San Theodoros, aus Paraguay simpel Nuevo Rico. Auch sämtliche handelnde Personen, von Diktator Alcazar bis zu dem gewissenlosen Waffenhändler Bazaroff, sind mehr oder weniger aus dem echten Leben abgekupfert.
Der Band durchwandert einen schmalen Grat aus hervorragender politischer Kriminalgeschichte und tiefsinniger Systemkritik. Der Sinn und Unsinn des Krieges zwischen den beiden imaginären Nationen wird ebenso fein durchleuchtet wie die Machenschaften von Eliten, Waffen- und Ölkonzernen.
Die Darstellung der Kunstwerke und Schätze indianischer Kultur sind fast schon unheimlich detailgetreu und begründen Hergés Ruf als Meister seines Fachs.

schatz_rackham6 – Das Geheimnis der Einhorn / Der Schatz Rackhams des Roten (1943/44)
Auch diese beiden Bände müssen, trotz räumlicher Trennung, als ein gemeinsames Werk bewertet werden. Es besticht in erster Linie durch seine unbändige Abenteuerlust und seine irrsinnige Vielseitigkeit, die den Leser von einem lebendigen Brüsseler Flohmarkt bis in karibische Gewässer und zurück in den Keller von Schloss Mühlenhof führt.
Die düstere Besatzungszeit der Nazis schränkte Hergé in seiner politischen Darstellung stark an. Dieses Vakuum füllte er durch eine fantastische, anspruchsvolle Abenteuergeschichte
Die Detailversessenheit Hergés erreichte in diesen Werken fast krankhafte Züge und damit beinahe unerreichte Perfektion: Die scharfe Kritik an seiner Darstellung von Schiffen in früheren Bänden hatte den Zeichner so sehr gefrustet, dass er nun mit schonungsloser zeichnerischer Wachsamkeit antwortete. Die Bildnisse von alten Kanonen, Waffen und Vignetten aus dem 17. Jahrhundert wurden vorher dutzendfach skizziert und immer wieder neu aufgearbeitet. Das Resultat sind zwei Bände, die von der Darstellung einer historischen Piratenschlacht über den ersten Showdown auf Schloss Mühlenhof bis hin zu der aufreibenden Schatzsuche, nur so vor Lebendigkeit strotzen.
Die harte und akribische Arbeit zahlte sich aus: Dieser Doppelband bedeutete Tims endgültigen internationalen Durchbruch, unter anderem auch in Deutschland wo die Casterman-Serie mit diesen Werken begann.

 

krabbe_goldene5 – Die Krabbe mit den goldenen Scheren (1940)
Dieser Band beinhaltet den oskarreifen Premierenauftritt von Kapitän Haddock und ist nicht nur deshalb in dieser Liste ganz hoch zu bewerten. Die mit Highlights gespickte, actionreiche Handlung verschlägt Comicfans des 21. Jahrhunderts die Sprache, wie innovativ muss diese Erzählung erst vor mehr als siebzig Jahren gewesen sein?
Im Kontrast zu ähnlichen Bänden liegt hier der Fokus weniger auf den kulturellen Begebenheiten ferner Länder, sondern bleibt über weite Strecken auf der Geschichte an sich. Dies macht „Die Krabbe mit den goldenen Scheren“ zu einer der intensivsten Episoden.
Während viele von Tims Abenteuergeschichten in schwarz-weiß mehr als hundert Seiten füllten
und mühsam für ein Album gekürzt werden mussten, stellte sich hier genau gegenteilige Problematik ein: Hergé musste viele Bilder erheblich vergrößern um die begehrte Anzahl von 64 Seiten zu erhalten. Durch diese höchst eigenwillige Bearbeitungsmethode wurde die Dynamik aber keineswegs gebremst, sondern besonders wichtige Szenen zusätzlich fokussiert.

 

tim_tibet4 – Tim in Tibet (1960)
Ende der fünfziger Jahre wurde das Kapitel Tintin beinahe jäh beendet: Hergé plagten schwere psychische Probleme die sich in Depressionen und Alpträumen manifestierten. Auch sein Studio durchlebte schwere Zeiten und seine Ehe ging in die Brüche. Ein befreundeter Psychiater riet ihm dazu, die Arbeiten an seiner erfolgreichsten Geschichte zu beenden. Zum Glück hörte er nicht auf ihn. Stattdessen konzipierte er mit „Tim in Tibet“ einen Band, in dem er seine Probleme exzellent verarbeiten konnte. Die geisterhaften Bildnisse der Absturzstelle inmitten des Himalaya entspringen direkt den Bildern aus Hergés Kopf und sind deshalb authentisch wie nie.
Anders als in anderen Bänden, in denen der Protagonist Tim eine beinahe unverschämte Souveränität beim Lösen von Problemen an den Tag legt, wird er hier höchst sensibel und emotional gezeigt. Sowohl seine mannigfaltige Beziehung zu Tschang als auch die zu Kapitän Haddock, der sogar bereit ist sein Leben am Steilhang zu opfern, gehen jedem Leser schonungslos unter die Haut.
Das Auftreten des fein ausgestalteten Schneemenschen zum Ende drückt keineswegs auf die Glaubwürdigkeit des Bandes, vielmehr verstärkt er durch seine ambivalente Rolle den emotionalen Charakter dessen.

 

blauer_lotos3 – Der Blaue Lotos (1934)
Es ist vielleicht Hergés unverdaulichstes und anspruchsvollstes, weil durchweg realistisches und historisch korrektes Werk. Anders als bei den vier zuvor erschienenen  Bänden legte der legendäre Zeichner das Schicksal der Geschichte nicht in die Hände eines anderen, sondern informierte sich persönlich bei chinesischen Studenten in Brüssel über die Eigenheiten und Feinheiten deren Heimatlandes.
Dies wirkt sich positiv auf die Story aus, die durch Korrektheit besticht und dabei noch nicht einmal vergisst, zeitgenössische Ereignisse wie den Mukden-Zwischenfall mit einzubeziehen. Durch die realistische Darstellung von Umgebung, Personen und Handlung entwickelt sich eine politisch motivierte Kriminalgeschichte mit ganz eigener Dynamik, die sämtlichen Frühwerken (allen voran „Die Zigarren des Pharaos“ um Längen voraus ist.
Erstmals wurde hier auch nicht die einheimische Bevölkerung als naiv dargestellt, sondern als Opfer eines fremden Aggressors. Durch die scharfe Kritik an den skrupellosen, allgegenwärtigen japanischen Besatzungstruppen übt Hergé in diesem Band erstmals scharfe und schonungslose Kritik am Imperialismus und dem Versagen der internationalen Gemeinschaft, die hier als durch und durch korrupt und skrupellos dargestellt wird.

 

fall_bienlein2 – Der Fall Bienlein (1956)
Von dem vor Lebendigkeit fast sprühenden Cover (dem für mich besten der Reihe) bis zum großen Finale in den Bergen von Bordurien ist „Der Fall Bienlein“ ein einzigartiges Meisterwerk.  Einmal mehr führt Tims Weg (über Schloss Mühlenhof und die Schweiz) in den fiktiven Balkanstaat und einmal mehr fließen die zeitgenössischen politischen Entwicklungen, diesmal zu Zeiten des beginnenden kalten Kriegs, wundervoll in die Handlung mit ein. Besonders die Darstellung von Professor Bienlein und seiner Erfindung von historischer Bedeutung ist grandios. Der Zeichenstil ist in diesem Band so gut wie in keinem anderen zuvor, auch der Spannungsbogen liegt bei diesem Werk weitaus höher und intensiver als bei vergleichbaren Geschichten.
Das größte Plus dieser Geschichte ist deren unverwechselbare Ausgewogenheit, die bei keinem anderen Spätwerk so deutlich zum Tragen kommt: Der  leichtlebige Humor durch unverwechselbare Charaktere wie Kiesewetter und Bianca Castafiore (der in „Die Juwelen der Sängerin“ überstrapaziert wird) verwebt sich geschmeidig mit nervenaufreibenden Sequenzen und  hintergründiger Spannung (die bei „Flug 714 nach Sydney“ über weite Strecken zu omnipräsent ist).
Hergé nutzte die Möglichkeiten seines Studios perfekt aus und vollendete dieses Abenteuer wie ein Regisseur beim Film. Das Thema und seine Aufführung sind ohne Zweifel begeisternd, in einem rasenden Tempo, und könnten ohne wenn und aber aus der klassischen Hollywood-Schmiede stammen.

 

schwarze-insel1 – Die schwarze Insel (1937)
Wären die Abenteuer von Tim vergleichbar mit einer Musikgruppe, „Die schwarze Insel“ wäre der Klassiker, der regelmäßig im Radio läuft, von Schülerbands mühsam gecovert wird und trotzdem einfach nicht tot zu kriegen ist. Dieser Band prägte Generationen und bleibt nach wie vor im kollektiven Gedächtnis von Comicfreunden aus aller Welt.
Durch das Fehlen eines besonders fremdartigen Ortes und omnipräsenter Nebencharaktere schaffte es Hergé voll und ganz sich auf das Schaffen einer außergewöhnlichen Kriminalgeschichte zu konzentrieren. Das Besondere hierbei: Es zeigen sich unmittelbare Einflüsse des Kinos der Dreißiger Jahre. Die Gestalt des Gorillas Ranko hat selbst ohne viel Fantasie große Ähnlichkeiten zur Figur des King Kong, die fein ausgearbeitete Geschichte erinnert an das filmische Frühwerk des großen Alfred Hitchcock. Die authentische Darstellung des klassischen Großbritannien schafft ein beeindruckendes Zeitdokument, die gleichzeitig illustrierten Innovationen wie Fernsehgeräte, Gelddruckmaschinen und E-Lokomotiven kündigen einen feinsinnigen Aufbruch in eine neue Epoche an.
Die Handlung selbst ist durch die Bank spannend und kommt in einem beinahe anmutigen Gewand daher.
„Die schwarze Insel“ ist das einzige Abenteuer, von dem drei Fassungen existieren: Die schwarz-weiße Originalversion, die geringfügig veränderte Farbfassung von 1943 und die von Grund auf neu bearbeitete Neuausgabe von 1965, jede versprüht auf ganz eigene Art und Weise einen ganz besonderen Charme. Besonders zu empfehlen: Die 1988 aufgelegte „Carlsen-Classics-Version“.

 

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