Bewertung/Rezension: Ein duales Studium an der FHVR Herrsching zum/zur Diplom-Finanzwirt(in). Ja oder Nein?

Dezember 2011. Ein 19-jähriger FOSler mit beruflichen Orientierungsschwierigkeiten tappt verzweifelt seiner Zukunft entgegen. Sein Erwartungshorizont endet im Sommer wenn er die allgemeine Hochschulreife erwerben wird. Was danach? FH? Uni? Wenn ja, welcher Studiengang? Ausbildung? In welche Richtung? Bei welcher Firma? Hilf- und Hoffnungslosigkeit machen sich breit. Die Atmosphäre: Geladen wie bei einem herannahenden Gewitter.
Und plötzlich, wie ein rettender Anker, erscheint eines verschneiten Tages ein dicker Brief im Postkasten. Der „Beamtentest“, der zwei Monate zuvor absolviert wurde, ist bestanden! Die bayerische Finanzverwaltung, genauer das nächstgelegene Finanzamt, würde ihn im Herbst als Diplom-Finanzwirt anstellen. Mit dabei: Eine Vielzahl von Broschüren, Infomappen, Heftchen und Formularen.
Die in diesem kleinen Kuvert zusammengequetschten Angebote sind auf den ersten Blick unschlagbar: Ein festes, durchaus hohes monatliches Einkommen: Für einen Schüler ein fabelhaftes Angebot. Eine fixe Übernahmegarantie im Falle eines erfolgreichen Studiums: In den heutigen, bewegten Zeiten keine Selbstverständlichkeit, eher eine Ausnahme. Ein Studium am „attraktiven Studienort“ Herrsching, fernab von überfüllten Hörsälen: Das hört sich doch nicht schlecht an!
Sind Sie Mitglied der kommunistischen Front zur Befreiung Kurdistans? Nein! Sind Sie Mitglied der Hamas? Nein! Sind oder waren Sie jemals Linker? Ähm… vielleicht, ach kreuzen wir einfach Nein! an. Die Formulare abgeschickt, wird man sofort zu einem strukturierten Interview an ein freundliches Finanzamt nächster Nähe eingeladen. Ist diese (zugegebenermaßen simple) Hürde überstanden, kann man sich bereits als Mitglied der Truppe bezeichnen. Sämtlicher Ballast, jegliche Zukunftsangst fällt ab und der FOSler kann froh und beruhigt der Zukunft entgegenblicken. Die übrigen Schüler, die sich für alle möglichen Studiengänge bemühen und eifrig für einen guten NC büffeln beneiden den Schlawiner ob seiner fantastischen Errungenschaft. Sogar der mit Lob sparsame Religionslehrer lässt sich zur Aussage hinreißen er habe da einen „Sechser im Lotto“ gezogen.

Viele die dies lesen werden all das schon miterlebt haben. Ich habe mir zu der Zeit (aufgrund der großartigen Informationen) großspurige Illusionen über ein duales Studium zum Finanzbeamten im „gehobenen Dienst“ gemacht. Einige davon wurden bestätigt, andere wiederum erwiesen sich als Irrtum. Grundsätzlich möchte ich darauf hinweisen, dass dieser Bericht, der möglichen Anwärtern einen genauen Überblick über die einzelnen Bereiche des Studiums an der FHVR Herrsching bietet, durch meine Erfahrungen und meine Erlebnisse an eben dieser geprägt und daher absolut subjektiv ist. Nach einem „Semester“ an der Schule und dem darauf folgenden Praktikumsabschnitt am Finanzamt hat sich das Kapitel „Beamter im Bereich Finanzen“ für mich endgültig erledigt, der Leser mag entscheiden ob eher absichtlich oder bedingt durch schlechte Leistungen.
Im Studium der Finanzverwaltung ist es durchaus auch möglich nach Kaufbeuren oder an eine häufig wechselnde andere Außenstelle der FHVR ausgelagert zu werden. Ich schildere in meinem Bericht ausschließlich die mir vorliegende Situation in Herrsching. In das Leben in den Außenstellen hatte ich nie einen wirklichen Einblick. Meine Rezension beschreibt die Situation an der FH während der Jahre 2012/13/14, die sich seither kaum verändert hat. Bei kurzfristigen Änderungen hoffe ich auf Nachsicht!

Rahmenbedingungen:
Das Studium in Herrsching ist (wie bereits erwähnt) dual. Es findet eine Woche nach Beginn der Anstellung (i.d.R. ab der zweiten Oktoberwoche) statt und dauert im ersten Abschnitt bis Mitte April (6,5 Monate), der zweite Studienabschnitt dauert von Anfang September bis Ende Dezember (3,5 Monate), der dritte Abschnitt, II b genannt, findet im darauf folgenden Jahr von Mai bis August statt (3,5 Monate), der vierte und finale von Januar bis September (7 Monate). Die Lücken werden gefüllt von praktischen Abschnitten bei den jeweils heimatnahen Finanzämtern. Insgesamt verbringen Anwärter damit ca. 20 Monate in Herrsching und ca. 15 Monate im Finanzamt. Genug nun mit Zahlen und Fakten, die meisten von euch werden das schon wissen. Nun zu viel wichtigerem: Den Rahmenbedingungen, geschrieben von einem Insider:
Wie viele andere Bildungsinstitute in Deutschland klagt auch die FHVR für Finanzen über eine zu hohe Studentenzahl. Bedingt dadurch das immer mehr Angestellte in den Finanzämtern in Pension gehen wurde die Anzahl an Anwärtern in den vergangenen Jahren weiter erhöht. Im Unterschied zu anderen FHs und Universitäten muss die FH in Herrsching nicht nur für die Ausbildung dieser Heerscharr aufkommen, sondern eben auch für ihre Unterkunft, ihre Freizeit und ihre Verpflegung. Dieses Modell, das sich wohl alsbald als nicht mehr zeitgemäß entpuppen wird, stellt sich langsam als echtes Problem dar. Egal ob bei den langen Schlangen zum Mittagessen, die oft aus der Mensa hinaus reichen, oder beim knappen Angebot an Wohnraum, das die Studenten dazu zwingt teilweise in viel zu kleinen Doppelzimmern zu wohnen.
Offiziell wird verlautbart das Studium in Herrsching sei kostenlos. Doch dies erweist sich als Irrtum. Die FHVR erhebt ein monatliches Verpflegungsgeld von ca. 150 Euro, das auf das Essen verrechnet wird. Damit ist bereits etwa ein Fünftel des Monatsgehalts futsch bevor man es wirklich auf dem Konto hat. Dieser Preis sollte angemessen sein um für den Komfort und die Versorgung seiner Schule gerade zu stehen, doch das ist mit Vorsicht zu genießen (siehe Wohnunterkunft).
Auch in Herrsching hält, wie auch in allen anderen Hochschulen, der Trend zum Unterricht statt zu überfüllten Vorlesungen Einzug, was aufgrund der vielschichtigen, anspruchsvollen Masse an Stoff definitiv sinnvoll ist. Die Studenten in Herrsching sind in „Lehrsäle“ unterteilt die je nach Saal circa 20-30 Anwärter umfassen. Also kein gesteckt volles Audimax mehr, aber leider auch keine kleinen Lehrgruppen mit individueller Betreuung.
Sämtliches Handeln im Gebäudekomplex der FH und dem darum liegenden Gelände unterliegt einer sehr strengen Hausordnung, die (typisch deutsch) auf alles eine gesetzliche Grundlage finden will. Ein freies, individuelles Leben das viele Studenten in ihrem jungen Erwachsenenleben führen wollen ist hier nur bedingt möglich. Mehrere Stellen dieser Hausordnung, wie ein striktes Ende des Zusammenseins in den Teeküchen um 22:00 Uhr, Bettruhe und einer Promillegrenze für alkoholische Getränke ab 15% sind sehr straff ausgelegt und erinnern stark an den Charakter diverser Internate. Viele dieser Maßnahmen mögen sogar sehr sinnvoll sein, wenn jedoch volljährige und pflichtbewusste Anwärter zu einem Kreuzverhör nach Nürnberg eingeladen werden, weil eine „Putzfrau“ beim „saubermachen“ Schnapsflaschen in ihrem Kühlschrank findet, erscheint mir der Bogen doch arg überspannt.

Gebäude und Gelände:
Die FHVR Herrsching ist auf einem Berg über der Stadt selbst gelegen und verfügt dadurch über ein erstaunliches Panorama und ein fantastisches Ambiente. Der Bau wurde während der Zeit des nationalsozialistischen Regimes ausgebaut und ist (vor allem mit seinen Säulen am Haupteingang und dem darüber thronenden Adler ohne Hakenkreuz) typisch protzig-antik gehalten. Der Bau mag selbstverständlich Schandflecken haben, man kann jedoch den Charme dieses Komplexes nicht verneinen.
Das Gebäude wirkt auf den ersten Blick mit seinem verriegelten Haupteingang und den groß angelegten Ländereien eher wie eine britische Eliteschule und nicht wie eine gehobene Bildungseinrichtung. Bereits seit längerer Zeit ist Herrsching eine einzige Großbaustelle. Die Ermangelung an Platz sorgt dafür, dass mittlerweile Lehrsäle auf der Tribüne der Haupthalle unterrichtet werden.
Der Wohn- und Lehrbereich ist größtenteils ineinander verkeilt. In den meisten Bauten befinden sich im Erdgeschoss die Säle, in den oberen Stockwerken die Unterkünfte. Daran angeschlossen ist die große Mensa, sowie die Cafeteria im Keller.
Die große Haupthalle, die einst Dreh- und Angelpunkt der ganzen FH war, ist nur noch zum Prüfungen schreiben nicht einsturzgefährdet. Derzeit wird sie renoviert. Alternativ bietet die FHVR ein Fitnessstudio an, das jedoch am besten erst ganz früh morgens oder ganz spät abends besucht werden sollte, da dieses an massiver Überfüllung leidet. Drei Tischtennisplatten laden zum Spielen ein, ebenso wie ein Tennisplatz neben dem D-Bau, der allerdings leider schon bessere Tage erlebt hat. Bleibt als echte sportliche Alternative noch der Fußballplatz, der allerdings zu meiner Zeit fast pausenlos wegen unsichtbarer Wartungsarbeiten gesperrt war. Die FH selbst bietet darüber hinaus eine Sauna an. Sie zählt zu den absoluten Highlights des Herrschinger Studentendaseins.
Für Mountain-Biking-Touren oder zum Joggen ist das Gelände rund um die FH absolut top. Die Schule verfügt über einen Anlieger am Ammersee mit Segelboot. Im Ort selbst gibt es Fitnessstudios, Fußballplätze und Sporthallen. Herrsching am Ammersee bietet darüber hinaus alles, was man für eine angemessene Grundversorgung braucht: Supermärkte, Tankstellen, Restaurants, Cafés und Geschäfte unterschiedlichster Art. Von der FH führt ein Fußweg nach Andechs: Ein Besuch dort lohnt sich auf alle Fälle!

Wohnunterkunft:
Jeder, der sich bereits nach einer Studentenbude umgeschaut und diese für 400 Euro oder mehr im Monat bezahlt hat wird erfreut hören, dass das Wohnen an der FHVR Herrsching (bis auf den anfallenden Beitrag für Verpflegung) kostenlos ist.
Jetzt kommen wir zum Problem selbst: Nämlich, richtig, dem Wohnraum. Es gibt sechs verschiedene Gebäudekomplexe in Herrsching. Der A-Bau, der ausschließlich mit kleinen aber feinen Einzelzimmern mit eigenem Bad und Etagen-Küchen ausgestattet ist. Der A1-Bau, das neueste Gebäude, das (noch!) an einigen baulichen Mängeln krankt. Der B-Bau besteht nur aus wenigen Zimmern über der Schulmensa. Im C-Bau befinden sich größtenteils zwei zusammengefasste Einzelzimmer mit gemeinsamen Vorraum, allerdings ohne eigenem Bad. Der D-Bau besteht vorwiegend aus Doppelzimmern, die zwar größtenteils veraltet, aber immerhin groß und geräumig sind. Richtig kriminell wird’s im E-Bau, der Herrsching-Einstiegsdroge für neue Anwärter, aus dem wohl selbst vom Schicksal schwer gebeutelte Asylbewerber wieder jaulend in Richtung Krisengebiet fliehen würden. Knapp 200 Studenten werden hier in schmale Doppelzimmer von der sprichwörtlichen Größe einer Tic-Tac-Schachtel zusammengepfercht. Wenn man allzu böse über den äußerst armseligen Wohnkomplex lästert, bekommt man von alten Herrsching-Veteranen ziemlich kompromisslos viel Schlechtes an den Kopf geworfen. Natürlich lebten in den Sechzigern die Anwärter dort zu sechst in Etagenbetten mit einem einzigen Tisch pro Zimmer. Doch rechtfertigen die damals niedrigen Standards eines noch immer von den Entbehrungen der Nachkriegszeit gezeichneten Deutschlands die heutige Situation? Wohl kaum.
Wem das Glück allzu hold ist, der schafft es im ersten Studienabschnitt aufgrund der großen Masse an Anwärtern in eine externe Unterkunft ausgelagert zu werden. Hier verfügt man über wesentlich mehr Wohnraum, Komfort sowie über eine eigene Küche und Bad. Der Nachteil ist, dass diese Anlagen meist im Radius von 15 Kilometern um die FHVR herum liegen; dies erfordert tägliches Pendeln. Was sich zunächst harmlos anhört, stellt sich auf Dauer als sehr Sprit- und zeitaufwendig heraus.

Unterricht und Lernstoff:
Bereits am Ankunftstag bekommt man einen Eindruck davon, was in den nächsten Jahren von einem verlangt wird: In alten Druckerkartons, mit denen man ein ausgewachsenes Rhinozeros tot kloppen könnte, liegt das Ankunftsgeschenk der FHVR bereit: Vom Gesetzgeber ausgearbeitete Texte (Abgabenordnung, EStG; UStG usw.) die sich mit einem diabolischen Grinsen schon darauf freuen, vom neuen Besitzer bearbeitet zu werden. Tatsächlich ist die Erwartungshaltung gegenüber neuen Anwärtern definitiv hoch: Das deutsche Steuerrecht ist ohne Zweifel das komplizierteste der Welt und das Studium macht ja aus einem Studenten einen Experten auf dem Gebiet des Steuerrechts.
Wenn man mit Eifer bei der Sache ist und sein Studium ernst nimmt sind diese Gesetzestexte bald so bunt angestrichen und kommentiert wie ein Malbuch eines kreativen Vorschulkindes. Das hört sich ironisch an, doch die Kommentierung der Gesetze sollte akribisch durchgeführt werden! Spätestens bei den ersten Prüfungen ist man für eigene, fundierte Arbeit an den Gesetzestexten dankbar.
Auch wenn ich zuvor bereits gewarnt war; äußerst frustriert hat mich, dass man als Abiturient wirklich kaum Wissen aus der vorherigen Schullaufbahn mit in das duale Studium in Herrsching nehmen konnte. Schüler die zuvor in wirtschaftlichen Zweigen untergebracht waren haben höchstens zu Beginn des Faches Bilanzsteuer einen Vorteil. Ansonsten ist die Materie Steuerrecht wirklich eine Wissenschaft für sich. Jeder fängt gewissermaßen bei 0 an und kann sich je nach Lernmethode und Verständnis hochlernen. Sonderlich lange sollte man darauf nicht warten: Wer erst einen Monat vor den Zwischenprüfungen anfängt zu lernen hat verloren; definitiv!
Die fünf Kernfächer sind Umsatzsteuer, Bilanzsteuer, Einkommenssteuer, Abgabenordnung und öffentliches Recht. Dazu gesellen sich je nach Semester andere Nebenfächer, in denen man Klausuren schreibt, aber keine Abschlussprüfung (z.B. Privatrecht). Diese schwierigen Fächer mit Frontalunterricht werden von Sozialkompetenzfächern ergänzt, die kaum Einfluss auf die Benotung haben und von den Anwärtern auch dementsprechend ernst genommen werden.
An der FHVR Herrsching herrscht grundsätzlich Anwesenheitspflicht zum Unterricht. Man darf nicht vergessen: Der Freistaat Bayern zahlt gutes Geld für das Studium zum Steuerinspektor, weswegen diese in meinen Augen auch gerechtfertigt ist. Jeden Morgen vor Beginn des Unterrichts tragen sich alle Anwärter mit Unterschrift auf einem Plan ein, der vor den Sälen aushängt. Keine fünf Minuten nach Beginn der ersten Vorlesungen werden diese von den Mitarbeiterinnen des Sekretariats eingesammelt und akribisch überprüft, nicht abgemeldeten Abwesenden geht es spätestens am darauf folgenden Tag an den Kragen.
Essen und Trinken:
Die Mensa bietet für den oben genannten Verpflegungsbeitrag ein reichhaltiges Frühstück, das Buffets einiger Dreisternehotels übertrifft. Respekt!
Über das Mittagessen gibt es geteilte Ansichten. Es werden immer zwei Gerichte angeboten: Eines mit Fleisch, ein vegetarisches. Ich, der fernab von Mamas Küche vieles verschmähte, fand eigentlich jeden Tag etwas schmackhaftes zu essen. Andere Anwärter bemängelten die Qualität der Speisen und berichteten von Übelkeit und Durchfall bis hin zu Allergien. Tatsächlich besteht ein Großteil der angebotenen Speisen wohl aus mannigfaltigsten Geschmacksverstärkern und chemischen Zusatzstoffen. Die Verträglichkeit dieser Stoffe kann von mir freilich nicht angemessen beurteilt werden.
Da das Wohnen in Herrsching zur (finanziellen) Teilnahme am Essen verpflichtet lebten viele meiner Kollegen essenstechnisch frei nach dem Motto „Der Hunger treibt es rein!“. Wem die angebotenen Speisen überhaupt nicht zusagen, der findet in der im Keller der FH gelegenen Cafeteria Abhilfe. Diese wird von einem externen Wirt betrieben und bietet Speisen nach Karte an. Diese Gerichte sind zwar freilich keine Sterne-Kochkunst sondern typisch biedere Hausmannskost, doch steht das Angebotene absolut im richtigen Preis-Leistungs-Verhältnis und ist immer wieder abwechslungsreich. Auch nach Einbruch der Dunkelheit kann die Cafeteria genutzt werden, vor allem bei Fußballübertragungen ist sie das erste Anlaufziel der halben Hochschule. Es ist auch der einzige Ort auf dem gesamten Campus, wo man gemütlich einen Schnaps mit Freunden kippen kann.

Partys und Feiern:
Das aktuelle oder ehemalige Studenten die Studienzeit als schönste und wildeste Zeit ihres Lebens bezeichnen ist allseits bekannt. Dies scheint allerdings noch nicht bis nach Herrsching durchgedrungen zu sein.
Anzumerken ist, dass es vor einigen Jahren bei mehreren Partys zu einigen unschönen Zwischenfällen gekommen ist, die von der Verwaltung absolut richtigerweise sanktioniert wurden. Die neue Hausordnung gestaltet sich als äußerst straff und schnürt auch den Party-AK in seinen Handlungen ein, der circa im Vierwochentakt einzelne Motto-Partys im an die Cafeteria angrenzenden Rassostüberl organisiert.
Ende der Partys ist grundsätzlich um 1 Uhr, was anhand dessen, dass man nur sieben Stunden später wieder die Schulbank drücken muss vielleicht gar keine schlechte Idee ist. Allerdings gestaltet sich es als sehr schwierig, erwachsene und angetrunkene Studenten auf Kommando ins Bett zu schicken: Natürlich geht die Party weiter. Dies forciert wiederum weitere, häufig ausufernde „Aftershow-Partys“ auf dem freien Gelände, in den Teeküchen oder auf den Zimmern, die zu Sachbeschädigungen und Lärmbelästigung führen – was wiederum eine erneute Straffung der Hausordnung nach sich zieht.
Ein Teufelskreis, der durch einen wesentlichen Faktor verursacht wird: In Herrsching und Umgebung gibt es kaum Alternativen für ein echtes „Weggehen“. Keine Clubs, keine Diskotheken. Es gibt im Ort selbst ganze drei Bars, die von Anwärtern häufig nur bei Fußballspielen genutzt werden.
Viele denken aufgrund der räumlichen Nähe an Partys in München, vor allem aufgrund der Autobahn- und S-Bahn-Anbindung, allerdings sollte man sich davon nicht täuschen lassen. Mit der Bahn dauert es bis zu eine Stunde ins Stadtzentrum und mit dem Auto im Feierabendverkehr häufig nur geringfügig weniger. Vor allem der Weg zurück nach Herrsching gestaltet sich aufgrund der nachts nicht verkehrenden S-Bahnen als schwierig. Auch wir haben diesen Trip in die Kultfabrik im Osten der bayerischen Landeshauptstadt einmal mitgemacht: Einmal und nie wieder.

Organisationen und Dozenten:
Studentische Organisationen und Verbindungen auch politischer Natur, die es an gewöhnlichen Universitäten im Überfluss gibt, fehlen an der FH Herrsching völlig. Zwar gibt es eine Gruppe junger, fertig ausgebildeter Anwärter die den aktuellen Anwärtern in Herrsching den Grundsatz „Ihr seid nicht allein“ vermitteln und eine Studentenvertretung organisieren, dieser ist jedoch aufgrund rechtlicher Vorschriften und der räumlichen Entfernung meistens die Hände gebunden.
Daneben gibt es einige Spaßvereine, zum Beispiel den Saunaclub „SC Rausch“, ein FH-Fußballteam und andere Sportvereine.
Bei den Dozenten ist es wie bei einer Schachtel Pralinen: Man weiß nie was man kriegt. Die Schule verfügt über eine Gruppe hauptamtlicher Dozenten, die regelmäßig im Unterricht eingesetzt werden. Zwar sind kaum echte Professoren und Doktoren dabei, allerdings ist das steuerliche Fachwissen dieser Vollzeit-Lehrer sehr hoch.
Neben den hauptamtlichen Dozenten gibt es eine Vielzahl nebenamtlicher Lehrer, die sich durch ihre Tätigkeit an der FH ein wenig was dazu verdienen möchten. Der pädagogische Wert dieser Dozenten ist zwar häufig angemessen, allerdings gibt es auch eine Vielzahl nebenamtlicher Dozenten, bei denen das steuerliche Fachwissen nicht über die ausgeteilten Skripte reicht.
Studenten:
Das Studentenbild in Herrsching ist breit gefächert: Von ehemaligen Bundeswehrsoldaten, FOS-Absolventen, Studienabsolventen, Gymnasiasten bis zu altgedienten Mitarbeitern aus dem mittleren Dienst, die eine „Stufe höher schalten wollen“ ist alles dabei. Das bunte Bild ergänzt sich vergleichsweise harmonisch und von größeren Konflikten habe ich, bis auf eine Ausnahme, nichts mitbekommen. In Herrsching wohnen, studieren und leben so viele Menschen auf einem Raum wie in wenigen anderen Institutionen, das miteinander auskommen läuft glänzend.
Bis auf einige wenige Studenten, die sich durch komplette Abkapselung vom sozialen Umfeld und Fokussierung auf das Studium und seine Inhalte einen höchstmöglichen Erfolg für sich versprechen (was nicht funktionieren wird, das kann ich euch aufrichtig und durch viele Beispiele verdeutlicht versichern!!!) ist sich niemand für geselliges Zusammensein zu schade. Ob eine gemeinsame FIFA-Partie, ein gemütliches Bier in der Cafeteria oder ein lässiges Zusammensein im Außenbereich im Sommer: Für Spaß und ein unvergessliches Gemeinschaftserlebnis ist immer gesorgt. Mein Tipp: Auch wenn ihr in einem Einzelzimmer oder mit einer euch unbekannten Person in einem Doppelzimmer untergebracht seid; Verschließt euch nicht! In Herrsching erwarten euch, trotz drastischer Auflagen der Verwaltung, fantastische Momente und lustige Erinnerungen. An meinem aktuellen Studienort vermisse ich oft genau dieses prägnante Zusammensein, das „wir sitzen in einem Boot“. Wenn ich etwas aus Herrsching positiv in Erinnerung behalte, dann sind es die Warmherzigkeit und die Aufgeschlossenheit der dort Studierenden.
Praktischer Abschnitt:
Es war einmal ein Beamter; bei der Post, der Bahn, im Landrats- oder im Finanzamt. Eine lange Schlange von Bürgern steht vor dem Tresen. Die Zeit drängt, der (Sach-)Verstand ist gefordert, die Drähte glühen. Doch es ist 12:00 Uhr mittags. Und kaum schlägt die Uhr zur Mittagsstunde schlägt der Beamte mit einem zuvor selten gezeigten Enthusiasmus ein Schild auf den Tisch („Bin in Mittagspause. Geschlossen!“), hievt die Beine auf den Tisch und packt, unter dem Fluchen der Anwesenden, seinen Wurstsemmeln aus um sie genüsslich zu verspeisen.
Dieses Bild, das leider noch in vielen Köpfen in dieser Gesellschaft herumgeistert, ist endgültig Vergangenheit. Finanzämter sind gewissermaßen „Dienstleister“ geworden. Die hohen Ansprüche unserer Zeit zeigen auch in Finanzämtern ihre Wirkung.
Ich war in einem typischen bayerischen „Dorf-Finanzamt“ eingesetzt und erlebte bei einem Löwenanteil der Beamten einen straffen Zeitplan, anstrengende Arbeit und einen durchaus hohen Stressfaktor, Verhältnisse also wie in weiten Teilen der freien Wirtschaft.
Grundsätzlich wird einem Anwärter das Durchlaufen nahezu aller Abteilungen ermöglicht, durch meinen Studienabbruch erlebte ich leider nur die Abteilungen Vollstreckung und Veranlagung.

Fazit:
Wer auch immer einen Studienabschluss im Bereich Steuern und Gesetze anstrebt: Herrsching ist eure erste Adresse. Im Gegensatz zu einem Jura-Studium mit Fachgebiet Steuern an einer normalen Uni bietet die FHVR einige unwiderlegbare Vorteile: Zum einen der monatliche Verdienst und der kostenfreie Erwerb der jeweils aktuellen Gesetzestexte. Fernab vom finanziellen Aspekt wird in Herrsching wesentlich praxisorientierter unterrichtet als an anderen Hochschulen und Universitäten. Die praktischen Abschnitte an den Finanzämtern unterstreichen dies, obgleich ich mir einen Praxisblock vor dem ersten Semester in Herrsching wünschen würde, damit die Anwärter mehr als nur „einmal kurz reinschnuppern“ könnten.
Die Ausbildung über drei Jahre ist zwar vollgepackt aber kurz und bündig; man studiert also ohne Zeit zu verlieren und steigt so umgehend ins Berufsleben ein, ohne sich wie an einer Universität um eine möglichst gute Note und eine Stelle in der freien Wirtschaft bemühen zu müssen.
Wer wirklich nicht ewig beim Finanzamt bleiben mag: Nach spätestens drei Jahren kann man aussteigen und sich zum Beispiel als Steuerberater oder in einem anderen Bereich selbstständig machen.
Und niemand sollte sich großartige Illusionen über einen vielseitigen Werdegang machen:
Ohne irgendwelche Träume zu zerstören: Sofortiger Einstieg beim Heimatfinanzamt, Bayerische Schlösserverwaltung oder Auslandseinsatz sind absolutes Wunschdenken und äußerst unrealistisch. Für die meisten Anwärter ist bereits ein Schreibtisch im Raum München in der Betriebsprüfung reserviert. Dieser Lebensweg wird vielen fertigen Anwärtern vorgegeben und daran wird sich auch so schnell nichts ändern.
Die Stadt Herrsching am Ammersee ist definitiv keine pulsierende Metropole am Nabel der Welt, es sei denn, man rechnet das landwirtschaftliche Nutzvieh zu der regulär geführten Einwohnerzahl hinzu. Allerdings gehört die Region zu den wohl schönsten in ganz Deutschland. Die Aussicht auf die Alpen ist einfach fantastisch, und nirgendwo lässt sich der Lernstress besser sacken als bei einem Lauf durch die angrenzenden Wälder mit bestem Ausblick oder bei einem Spaziergang am See.
Allerdings ist das Leben in Herrsching, wie erwähnt, von einem hohen Maß an Entbehrungen geprägt, auch wenn mir hierbei einige Absolventen jammern auf hohem Niveau unterstellen werden. Der Lernstoff ist fest durch einen Lehrplan fixiert und erlaubt daher nur wenig freie Entscheidungswahl (Was lerne ich Wann?). Aber diese Lebensumstände werden durch den allmonatlichen Kontoauszug auf jeden Fall geschmälert.
Als Anwärter habe ich in Herrsching viele tolle Stunden erlebt. Leider sagten mir weder die vorgeschriebene Karriere noch der Lernstoff zu. Für mich war damit relativ schnell das Kapitel Herrsching beendet. Auf die im Titel gestellte Frage kann ich für mich persönlich daher deutlich mit „Nein!“ antworten. Eine allgemein gültige Empfehlung messe ich mir nicht zu, viel mehr empfehle ich euch eine reifliche Überlegung dieser schwierigen Entscheidung!

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32 Gedanken zu “Bewertung/Rezension: Ein duales Studium an der FHVR Herrsching zum/zur Diplom-Finanzwirt(in). Ja oder Nein?

  1. Sehr schöne Schilderung!

    Ich selbst habe schon ein BWL-Studium hinter mir und stehe nun vor der Entscheidung, im Oktober ein Studium in Herrsching zu beginnen. Ich habe in den letzten Jahren jede WG-Feier und jedes größere Saufgelage der Stadt mitgenommen, mir also sozusagen schon die Hörner abgestoßen. Ich war in den Kneipen öfters zu sehen als in der Uni. Ich kann freilich verstehen, dass man direkt nach dem Abitur keine Lust auf eine Militärakademie hat.

    Allerdings ist die aktuelle Situation auf dem Arbeitsmarkt echt lausig, wenn man nicht 8 Auslandssemester und 13 Praktika während des Studiums absolviert hat. Zudem merke ich, dass man bei jedem Vorstellungsgespräch nicht als potentielle Fachkraft angesehen wird, sondern als Bittsteller, der sich gefälligst unterjocht zeigen soll!

    Gerne würde ich jetzt meinen Anker am sicheren Hafen „öffentlicher Dienst“ setzen, dennoch plagen mich Zweifel. Ehrlich gesagt finde ich Steuerrecht nicht wirklich interessant. Mal ehrlich, gibt es wirklich Leute, die schwärmende Oden an das teutsche Steuerrecht singen? Ich glaube nicht. Allerdings lagen mir die Rechtsfächer während der Studienzeit, in Privatrecht und öffentlichen Recht konnte ich stets gute Noten erzielen. Zudem tut mir das verschulte System in Herrsching gut, ich bin jemand, der einen Tritt in den Arsch braucht. Die völlige Freiheit an der Uni hat bei mir eher eine chronische Prokrastination verursacht. Was allerdings abschreckt ist die Tatsache, dass man wohlwahrscheinlich irgendwann in München landet. Das mag ich ehrlich gesagt nicht, als Franke allerweil verständlich.

    Ich weiß nicht, ob man mit dieser Einstellung erneut ein Studium beginnen sollte. Sollte man nicht topmotiviert, frisch gebadet und voller Vorfreude ein solches Studium antreten?

    Mal sehen, ob ich am 1. Oktober antrete. Mal sehen, was der Morgen bringt. 🙂

    Vielen Dank für deine Eindrücke!

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    1. Danke für die positive Rückmeldung!

      Ohne die näheren persönlichen Umstände zu kennen hört sich die Schilderung doch durchaus gut an. Ich kann mir vorstellen, dass Herrsching entwas für dich ist.

      Durch das verschulte System wird jeder, der wirklich bestehen möchte gewissermaßen zum lernen „gezwungen“. Auch der Tritt in den Arsch ist in Herrsching in vielerlei Hinsicht vorprogrammiert 😉 .

      Das abgeschlossene BWL-Studium ist zwar kein Freifahrtsschein für die vielschichtige, teilweise äußerst komplexe Lernmasse, allerdings bist du durch die Lernmethodik und -organisation bestens für ein Studium in Herrsching gerüstet.

      Bei deinen Bedenken mit München kann ich dich beruhigen, als „Frange“ hat man gute Chancen auf eine Anstellung in Heimatnähe, sei es Nürnberg, Würzburg oder jedes andere größere Finanzamt in der Gegend.

      Auch wenn Steuerrecht nicht so ganz dein Wetter ist: Vielen meiner damaligen Mitstudenten ging es ähnlich, sie konnten sich aber durch Fleiß und Mühe in die Materie hineinbeißen und stehen notentechnisch exzellent da.

      Einstellen musst du dich nur auf eine völlig neue Form des Lebens (mit der Uni tatsächlich nicht zu vergleichen) sowie niedrigeren Gehältern nach einer Festanstellung. Ein Beamter in meinem alten Finanzamt verdient nach 30 Jahren beim Staat und mehreren Beförderungen tatsächlich weit weniger als die Schicht-Elektriker im benachbarten Großwerk.

      Letztendlich bin ich der Überzeugung, dass du in Herrsching gut durchkommen würdest 🙂

      Lg Sebastiano

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    2. Was sind Konsequenzen eines Studienabbruchs, und wie läuft dieser ab?
      falls es schon mal geschrieben wurde, Entschuldigung, aber ich habe es nicht gefunden.
      Danke für eine Antwort im voraus.

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      1. Beim Abbruch gilt in erster Linie folgendes: Ein gepflegtes Durch-die-Prüfungen-fallen-lassen ist Gold wert! Das geht nicht nur am schnellsten, es wird auch vom Arbeitgeber zähneknirschend akzeptiert. Ein formelles Ausscheiden aus dem Anwärterstatus ist nicht nur mit viel Papierkram, sondern auch mit Rückzahlungen verbunden

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  2. Sehr schöner Text. Die Schilderung des E-Baus als „Herrsching-Einstiegsdroge“ ist köstlich. Auch sonst kann ich deinen Ausführungen größtenteils zustimmen. Einzig das Essen sehe ich deutlich negativer als du, das ist meist wirklich eine Zumutung. Zudem stört mich die etwas provinzielle Atmosphäre. Die „coolen kids“ landen nunmal in der Regel nicht auf dem Finanzamt und die interessanteren Leute trifft man definitiv an der Uni. Als 19jähriger hätte mich das sicherlich noch mehr gestört, da ich aber bereits ein Studium absolviert und mich ausgetobt habe, ist das schon ok. Außerdem gibts auch in Herrsching witzige Kollegen und ein Privatleben hat man ja auch noch.

    Insgesamt überwiegen für mich die Vorteile: Kurze Studiendauer, Gehalt während des Studiums, Übernahmegarantie als Beamter und später die Möglichkeit in die freie Wirtschaft zu wechseln und z.B. das Steuerberaterexamen zu machen.

    Wie man nicht nach München wollen kann, ist mir übrigens ein Rätsel. Als junger Mensch an irgendeinem Wald- und Wiesenfinanzamt in Hintertupfingen zu versauern stelle ich mir da viel schlimmer vor. Aber jeder wie er mag. 🙂

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    1. Wegen Deiner Vorliebe für München: Vergiß aber nicht die Mieten und hohen Lebenshaltungskosten in Deutschlands beliebtester Großstadt. Und wie ist das alles mit dem Einkommen eines jungen Steuerinspektors zu stemmen ? Es sei denn man kommt aus dem Großraum München.

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  3. Deine Einleitung trifft den Nagel auf den Punkt! Jeder denkt du hättest „alles richtig gemacht“ und „das große Los gezogen“! Diese Illusionen platzen definitiv! Habe es aber durchgezogen, erfolgreich abgeschlossen und sogar noch ein paar Jahre beim Finanzamt gearbeitet. Und jetzt der Finanzverwaltung endgültig den Rücken gekehrt und kein bisschen traurig darüber 🙂

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    1. Möchtest du vielleicht erzählen wie es bei dir war? Weswegen sind die Illusionen geplatzt? Wo bist du heute? Stehe im Moment vor der Entscheidung auch nach Herrsching bzw nach Kaufbeuren zu gehen. Schon jetzt mal ein Danke für eine Rückmeldung.

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  4. Möchtest du vielleicht erzählen wie es bei dir war? Weswegen sind die Illusionen geplatzt? Wo bist du heute? Stehe im Moment vor der Entscheidung auch nach Herrsching bzw nach Kaufbeuren zu gehen. Schon jetzt mal ein Danke für eine Rückmeldung.

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  5. Ich habe damit komplett abgeschlossen, bin seit fast 1,5 Jahren raus und verdammt nochmal froh! Damals, als ich mich fürs Finanzamt entschied, war ich zu jung um mir über die Tragweite meiner Entscheidung bewusst zu sein, aber auch die Ungerechtigkeit innerhalb der Bay. Finanzverwaltung machte mich wütend. Mehr möchte ich dazu eigentlich nicht sagen, wie gesagt für mich ist das alles Geschichte. Jetzt bin ich in einer Verwaltung in meiner Heimat und glücklich 🙂

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  6. Eine interessante Bewertung der Herrschinger Ausbildungsstätten und vermutlich ein guter Überblick für alle am Studium Interessierte, allerdings als ein Absolvent der o.g. Institution mit gut mehr als einem Jahrzehnt Erfahrung beim Finanzamt muss ich in einigen Punkten einiges hinzufügen: 1. Man sollte sich keine Illusionen über die Kürze des Studiums machen. In der Praxis hängt man noch mindestens 1 Jahr für Weiterbildung dran, wenn man nicht in der Veranlagung landet. Allgemein lernt man nie aus, da das Steuerrecht sich je nach politischen Trends, wirtschaftlicher Lage des Staates und einfach Lobbyismus laufend ändert. Also nichts mit ein Mal durch und Experte. 2. Es gibt auch beim Finanzamt abwechslungsreiche Tätigkeiten, eben z. B. die Betriebsprüfung. Wird vom Rest der Finanzverwaltung meistens als versnobter sich nicht an Arbeitszeiten haltender Chaoshaufen angesehen, aber Home Office und Arbeit „draußen“ bringens wohl mit sich. Kenne nur wenige Betriebsprüfer, die ihre Arbeit als abwechslungsarm bezeichnen würden. Zugegeben, man sieht sie auch selten im Amt. Da Sie wohl recht früh aus dem Studium ausgeschieden sind, war wohl eine obligatorische Teilnahme an einer Außenprüfung nicht drin? 3. Verdienst. Ja auf Papier schauts eher mau aus, allerdings habe ich bereits mit 23 nach dem Studium ein ordentliches Gehalt bezogen, während meine Mitabiturienten gerade beim Vordiplom oder ähnliches waren. Mit Stellenzulagen, dem relativ flüssigen Aufstieg zu A11 kommt man in der Regel zu einem Gehalt von ca. 42.000 Euro jährlich, ein Kind und Ehepartner eingerechnet. Damit verdient man mit Anfang 30 mehr als viele Uniabsolventen in der freien Wirtschaft und man verdient es auch außerhalb von großen Ballungszentren wie München oder Nürnberg. 4. Das Studium. Ich kann einen direkten Vergleich zur LMU ziehen und kann damit wohl freiheraus meine Meinung äußern. Die Freiheit durch Anonymität einer normalen Uni, die sich auf alle Bereiche des studentischen Lebens ausbreitet, ist in Herrsching nicht drin. Man ist ab dem ersten Tag Beamter und damit im Dienst. Muss man mögen. Punkt. Ich persönlich habe mein Studium als lustig, nicht zu schwer, durchaus mit Alkoholeskapaden behaftet und vor allem von einer Menge unterschiedlicher Kommilitonen geprägt in Erinnerung. Allerdings waren es bei mir noch keine Horden von 1.000 + Studenten, sondern ein übersichtliche Anzahl von 250 Leuten nach der Zwischenprüfung. Einige sind übrigens nach Herrsching gependelt, es gibt keine Aufenthaltspflicht. Insgesamt betrachtet, steigen viele zu früh aus dem Studium, so wie Sie eben. So richtig losgehen tuts aber erst ab dem zweiten Abschnitt, das Niveau steigt signifikant, man sieht auch die interessanteren Einsatzstellen im Finanzamt. Ich würde auch, wenn man sich zu Herrsching entschlossen hat, das Studium nur abbrechen, wenn man mit der Materie an sich nichts anfangen kann. Als Basis für weiteren Werdegang im Bereich Steuern und Wirtschaft gibt es nichts besseres, aussteigen kann man immer.

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    1. Jeder Industriemechaniker verdient direkt nach der Ausbildung bei einer IG-Metall-Klitsche mehr als 40.000,- Euro im Jahr, Zulagen mit inbegriffen. Ein guter Kumpel von mir hat ein duales Studium bei einem derartigen Unternehmen absolviert, 3 Jahre bis zum Bachelor, an NRW-Partneruni, O-Ton „vom Niveau her unterirdisch, eigentlich geschenkt“ und verdient zum Einstieg (!) 55.000,- Euro in München. Das sind keine Phantasiezahlen, jeder kann die Tariftabellen online einsehen.

      Wenn jemand zum Berufseinstieg (!) mit etwa gleicher Bildung und Leistung bei ähnlichen verwaltenden Tätigkeiten mehr jährlich verdient, als ich jemals jährlich auf der Lohnsteuerbescheinigung stehen haben werde, dann kann ich gar nicht genug saufen, als dass ich mein Gehalt als „gut“ bezeichnen würde.

      Natürlich könnte man nun argumentieren „aber nicht jeder bekommt so einen Job“. Allerdings hätten wir das Potenzial dafür, wir haben meist ein gutes bis sehr gutes Abitur, haben den LPA-Test bestanden und ein anspruchsvolles Studium hinter uns.

      Mir geht es auch gar nicht um die Arbeit am Finanzamt, die finde wirklich spannend und fordernd und macht mir ungelogen Spaß, sonst hätte ich mir diesen Beruf nicht ausgesucht. Aber Schönreden braucht man sich sein Gehalt wirklich nicht, denn das ist allenfalls dürftig.

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  7. Hey,
    erstmal super Bericht!
    Ich werde auch das Studium in Herrsching beginnen.
    Was mir etwas Angst macht ist die Unterbringung. Gibt es wirklich nur Doppelzimmer in der Anfangsphase? Bin nämlich eine von den Personen, die nur alleine sinnvoll und konsequent arbeiten können und auch mal für sich alleine sein müssen.
    Und zum Fitness(studio/zimmer): ist das sehr klein und gibt´s da nur drei Hanteln oder ist es schon etwas größer mit ein paar Maschinen und Kabelzug?
    Da ich mir noch nicht sicher bin ob ich das ganze dann auch durchziehen werde, werde ich mir den Tipp mit „gepflegtem durch fallen lassen“ zu Herzen nehmen, wenn das wirklich so einfach funktioniert. Habe nämlich dann auch keine Lust alles zurückzahlen zu müssen. Nur sieht das dann nicht schlecht im Lebenslauf aus, wenn dort steht „durchgefallen“ oder ähnliches?

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  8. @Bobele
    Interessante positive Schilderung!
    Bisher habe ich ja überwiegend negatives zu diesem Studium gelesen.
    Du hast geschrieben, dass es einen relativ flüssigen Aufstieg zu A11 gäbe. Bisher habe ich nur erfahren, dass es ewig lange dauert überhaupt in A10 zu kommen und die Mehrheit ewig auf A9 sitzten bleibt. Ist da nichts dran?

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    1. Habe 2003 meinen Abschluss gemacht, alle, wirklich alle aus meinem Lehrgang in meinem Amt damals sind jetzt seit 2014 A11 (knapp ein Dutzend). Ein Paar schaukeln jetzt sogar die A12 Marke zum 01.01.2017. Fünf von uns sind in der Betriebsprüfung, der Rest querbeet in allen Bereichen. Die Beförderung zu A10 und A11 ist bayernweit, d.h. amtsunabhängig, die Note und die Stellenanzahl in Bayern zählen. Hier ist man persönlich gefragt: wer in der FH bereits mitm letzten Krächzen durch ist, gerade so mit 7 Punkten, der wird 1. in der ersten Beurteilung sicher keine 12 erhalten und 2. nicht in den „besseren“ Stellen landen (Betriebsprüfung, Rechtsbehelfsstelle, etc.). Das ist aus meiner Sicht gerechtfertigt und ist in der freien Wirtschaft nicht anders, mit einer 3-4 in Bachelor-Chemie lande ich nicht bei Bayer in der Forschung… Es relativiert sich innerhalb von 3-5 Jahren der Praxis, wer sich in der Arbeit durch Leistung auszeichnet, kommt auch weiter.
      Ich glaube, es besteht grds. auch ein Missverständnis zu den Beförderungen: es gibt für normalen Finanzbeamten gehobener Dienst maximal A13, Punkt. Alles drüber plus leitende Stellen sind prozentual zur Masse gering vorhanden. Angesichts dessen, dass Du in Deiner 45jährigen Laufbahn mal 10 Jahre zw. A12 und A13 warten müsstest, ist nicht unerwartet und hängt eben mit den nur vier Beförderungen zu erklären. Welchen Reiz soll der Staat den bieten, wenn Du innerhalb von 15 Jahren auf A13 landest und noch 30 Jahre arbeiten sollst?
      Zieh Dir die Besoldungstabelle heraus und schau Dir diese an, die regelmäßige Turnusbeförderung macht zwar nur 50-60 Euro aus, die ist aber leistungsunabhängig.
      Es tut mir leid, wenn es etwas zu ausschweifend geworden ist, leider bin ich mit diesem „Beim Staat kommt man nur schwer weiter“-Gejammer häufig als Vorurteil konfrontiert worden und sage dazu: der Beamtenstatus ist mit mehr Geld woanders bei derzeitigen Wirtschaftslage nicht aufzuwiegen. Es ist sehr angenehm zu wissen, dass man auch morgen seiner Arbeit nachgehen kann und das Geld pünktlich jeden Monat aufm Konto landet. Und falls man schwanger wird oder erkrankt, ist man auch nicht gleich weg vom Fenster.

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  9. @Anonym

    Hey danke für diese mutmachende ausführliche Antwort. Nein, deine Antwort ist nicht zu lang 🙂
    Auch ich muss zugeben bisher zu den „Beim Staat kommt man nicht weiter“ Jammerern gehört zu haben, deine Antwort lässt mich diesbezüglich allerdings sehr schwer nachdenken…

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    1. Grundsätzlich kann ich Mister Anonym da absolut rechtgeben! Ich stehe nach wie vor in engem Kontakt zu meinen Ex-Anwärter-Kollegen und sie alle sind, erstmal fest im Sattel, sehr zufrieden mit ihrer Arbeit. Die Vorteile überwiegen hierbei klar: Keine Arbeit nach „Schichtende“, feste Arbeitszeiten, sicherer Arbeitsplatz, niedrige Hierachien, festes Einkommen und fest zementierte Paragraphen, die einen zwar einengen aber im Ernstfall eben auch schützen.
      Einzig musste ich feststellen, dass zwei Gruppen, nämlich die „Kreativen“ (künstlerische Ader, Begabung in Kulturraumstudien, Sprachen oder Medien) sowie die „Genies“ (Personen, die sich und anderen ständig etwas neues beweisen und immer weiterkommen wollen) mit ihrer Arbeit im öffentlichen Dienst alsbald unterfordert sind und immer wieder von ihrer zukünftigen Karriere als Steuerberater in der freien Wirtschaft träumen.

      Zu mir persönlich: Ich habe das Studium in erster Linie wegen der für mich eher unbehaglichen Atmosphäre, den für mich schwierigen Lernmethoden und den auf die Dauer nervtötenden Gesetzestexten abgebrochen.
      Jetzt bin ich als „normaler“ Student an einer Universität und beschäftige mich mit europäischer Kultur. Es ist phänomenal: Ich besuche in aller Regelmäßigkeit Länder, in denen einige von uns nur einmal im Jahr Urlaub machen, lerne aufregende Sprachen und Kulturen kennen und sitze in einem Klassenzimmer mit 40 Kommilitonen aus 10 verschiedenen EU-Ländern. Ich würde heute nie wieder tauschen und lebe meinen Traum 🙂 . Hat allerdings selbstverständlich den Nachteil, dass ich bei einer verschärften Wirtschaftslage mit meinem Studium brachial gesagt einen Sch***dreck anfangen kann.

      Letztendlich musst du einfach auf dein Herz hören. 🙂

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  10. Hey,

    danke für den ausführlichen Erfahrungsbericht.

    Ich hätte allerdings eine Frage: Ich beginne das Studium als Diplom-Verwaltungswirt in der Staatsfinanzverwaltung (Landesamt für Fianzen) in Herrsching dieses Jahr, konntest du evtl. durch Gespräche mit Studenten, die das ebenfalls studiert haben, herausfinden wie sie den Schwierigkeitsgrad bzw. allgemein das Studium empfanden haben? Und was hältst du persönlich von diesem Studium?

    Vielen Dank für deine Auskunft 🙂

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  11. @sebastianoincomperable

    Danke für die Antworten!
    Da ich gerne Fitnesssport betreibe trotzdem nochmal die Frage: kann man dort vernünftig trainieren oder ist da nicht mehr als ein Gerät zum Bankdrücken gewesen?

    Was ich mir immer so denke ist, dass wenn ich keine Lust mehr auf den Job haben sollte und kreativer sein will, dann kann ich nebenher immernoch ein kleines Unternehmwn aufbauen😉, wär zumimdest irgendwie ein großes Ziel von mir, wenn auch schwieriger hetan als gesagt😔

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    1. Mittlerweile soll das Fitnessstudio echt gut sein, zu meiner Zeit war immerhin alles drin, was der Grundversorgung diente. Kurz- und Langhanteln, Crosstrainer, Spinningräder, Hantelbank, Kraftstation, Rudergerät … kein Premium-Stuff, aber immerhin hat es fürs Nötigste gereicht.

      In Herrsching selbst gibt es aber ein richtig solides Studio.

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  12. @sebastianoincomperable

    Nochmal eine ergänzende Nachfrage:
    Du hast geschrieben die gehälter nach einer Festanstellung seien sehr niedrig. Findest du wirklich das ca 2100€ Netto abzüglich PKV als Einstiegsgegalt sehr niedrig sind? Und wenn dem so sei, dass man innerhalb von 10 Jahren A11 erreicht dann verdient man doch mit ungefähr 2500 Netto nicht wenig?

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    1. Während meines letzten Monats im Amt war ich viel mit Kaffeetrinken beschäftigt und hörte viel Gejammere meiner Kollegen. Mein Vorgesetzter war A11 und erzählte mir, dass seine beiden Brüder, der eine ungelernter Schichtarbeiter und der andere selbstständiger Fallschirmtester mehr als das doppelte verdienen als er. Das war nur eine von vielen Schauergeschichten, ob und wie das stimmt weiß ich nicht.

      Ich muss ganz ehrlich eingestehen, dass Geld für mich nie eine Rolle spielte und auch nach wie vor noch spielt. Deshalb habe ich mich auch damit in meinem Bericht eher bedeckt gehalten 🙂 .

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      1. okay, Fallschirmtester ist aber auch ein sehr speziller Nischenberuf und der ein oder andere Schichtarbeiter mag zwar vielleicht mehr verdienen, aber er muss eben auch Schicht arbeiten.

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  13. Erst einmal will auch ich mich für die sehr hilfreiche Beschreibung des Studiums bedanken, allerdings würde mich noch interessieren welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen um überhaupt einen Studienplatz an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Herrsching zu bekommen.
    Mir ist bekannt dass man eine Auswahlprüfung absolvieren muss und sich diese mit den Noten in den Fächern Mathe, Deutsch und Englisch berechnet. Die besten werden zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen und bekommen anschließend einen Studienplatz.

    Allerdings würde mich brennend interessieren welcher Schnitt in etwa erreicht werden muss um zu denen zu gehören die genommen werden!? Klar ändert sich das von Jahr zu Jahr, aber eine ungefähre Tendenz wird ja wahrscheinlich zu erkennen sein, muss eine eins vorm Komma stehen, oder reicht auch eine zwei, oder ggf. sogar eine drei?
    Ich würde mich über Rückmeldung freuen 🙂

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    1. Hatte bei meiner Anstellungsprüfung vor 10 Jahren einen Abischnitt von 2,3 und eine ziemlich durchschnittliche Note im Anstellungstest, Platz um die 1200 von keine Ahnung wie vielen. Hat auf jeden Fall gereicht. Derzeit sind die Jahrgänge unglaublich groß, weil dem Staat die Leute aussterben (das Durchscnittsalter in den Behörden ist weiterhin über 50). Man sollte gute Chancen haben, wenn man sich a bissl Mühe gibt und nicht unbedingt mit 4,0 Abi einsteigt.

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    2. Hallo, danke für dein Interesse!
      Ich kann mich meinem Vorredner nur anschließen: Die bayerische Finanzverwaltung hat (wie eigentlich jede andere Behörde auch) zwei Möglichkeiten. 1. Sie bricht spätestens 2030 zusammen; 2. Sie leutet eine Erfrischungskur ein. Das äußerte sich zuletzt in großzügigen Kontigenten in den vergangenen Jahren.
      Ich z.B. hatte zwar ein gutes Abitur, aber eine schlechte Note in Mathematik (die wie wir wissen mehr ins Gewicht fällt), bei meinem Test hatte ich viele knifflige Aufgaben dabei, die ich nicht lösen konnte. Trotzdem hatte ich einen relativ ansehbaren Listenplatz (in meiner Anwärtergruppe war ich der Dritte von 8.
      Im Großen und Ganzen ist es relativ unkompliziert einen Platz in Herrsching zu bekommen 🙂
      LG Sebastiano

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  14. Hallo, ist man nur während der FH in Herrsching untergebracht oder die ganze Zeit? Wie lang muss man sich nach der Ausbildung beim Finanzamt verpflichten?

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    1. Hey Momo,
      1. man ist nur während der FH dort untergebracht, während der praktischen Zeit am Finanzamt wohnt man natürlich weiterhin in seinen eigenen vier Wänden.
      2. Zu meiner Zeit war es eine dreijährige Zeit, in der man beim Finanzamt verpflichtet war. 🙂
      Lg Sebastiano

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